Über Immanuel Kant und Veganismus

via WeHeartIt.com
Veganismus verteilt überall seine Tentakel. Jede Zeitschrift und Online-Magazin fühlt sich gezwungen, darüber zu schreiben, jeder Fernsehsender wenigstens eine Reportage über Veganer zu schalten. Zum ersten Mal habe ich vor vielen Jahren eine Sendung zu dem Thema gesehen, wo ein veganes Studentenpaar von dem Kamerateam eine Woche lang begleitet wurde. Mein Gedanke: "Diese nervigen Ökos!" Heute bewege ich mich im Eiltempo (oder waren es doch Mäuseschritte?) auf eine strikt vegane Ernährung zu. In dieser Reportage wurden die ethischen Gründe in einem genuschelten Nebensatz abgehandelt, die Studenten trugen Dreadlocks und abgewetzte Klamotten und ständig wurde ein überteuerter Sojaaufschnitt in die Kamera gehalten. Und Sojaschnitzel. 50% der Worte, die fielen, handelten davon, wie unzureichend und ungesund diese ominöse Spezies doch lebt. Fleisch= gesund, dazugehörig und gepflegt. Kein Fleisch= komischer, aber reicher Hippie mit Sojafetisch.

 
Mittlerweile ist die Welt Veganern etwas positiver gestimmt. Obwohl ich viele Journalisten auch gute Worte für die rein pflanzliche Ernährung verlieren höre, mischen sich auch unzählige Unwahrheiten herein, die Folge einer schlechten Recherche sind. Ich rede nicht nur von den uninformierten Menschlein, die darauf beharren, dass Milch unglaublich gesund ist ohne ein Argument dafür zu nennen (nein, "das hört man doch überall!" ist kein Argument). Es gibt auch zahlreiche Befürworter des Veganismus, die dafür werben, aber durch Unwahrheiten unseriös wirken. Die Folge: Die ganze Bewegung wirkt unseriös. Diese Leute halten sich nicht an "Das hört man doch überall!" sondern an "Das hab ich x sagen hören!" - ebenfalls kein zulässiges Argument.
 
Bespieltime: Auf Zeitjung.de las ich einen Artikel mit dem aufsehenerregenden Titel "Was, wenn wir alle Vegetarier wären?". Ich lese ziemlich gerne auf Zeitjung.de und musste beim Lesen feststellen, dass die Autorin ziemlich fair mit dem Thema umgeht und Fakten zu nennen weiß. Wenn da nicht ein paar Stolpersteine wären!
Dass sich die rein pflanzliche Ernährung langfristig positiv auf unsere Gesundheit auswirkt, weil sich die Zufuhr von Kohlenhydraten dadurch automatisch reduziert, ist allgemein bekannt", heißt es.
Erneut dieses "allgemein bekannt", was ich nicht mehr hören kann. Ein "Allgemein bekannt" beweist gar nichts und ist zudem unzulänglich, was eine seriöse Auseinandersetzung mit einem Thema angeht. "Allgemein bekannt" sorgt dafür, dass wir aufhören zu denken und uns auf "allgemein bekannte" Meinungen verlassen.
 
Tatsächlich wird jedem, der dieser Aussage einige Sekunden mehr schenkt, auffallen, dass das vorne und hinten nicht stimmt. Bei der veganen Ernährung verzichtet man auf Milchprodukte, Ei, Fisch, Fleisch und Honig. Bis auf Honig, alles Lebensmittel, welche einen sehr geringen Kohlenhydratanteil aufweisen und daher oft in der Low-Carb-Ernährung verwertet werden. So gilt eher das Gegenteil: Bei dem Sprung zur veganen Ernährung erhöht sich der Kohlenhydratanteil in der Regel immens, da man sich größtenteils von Getreide, Obst und Gemüse ernährt. Sicher kann man auch die meisten seiner Kalorien über Bohnen, Nüsse und Avocados bekommen, das halte ich jedoch für eher selten. Ohne das weiter auszuführen, noch eine kleine Notiz am Rande: Kohlenhydrate sind sehr gesund; es sind die isolierten (Haushaltszucker, weisses Mehl), die uns krank und dick machen.
Auch wenn es "allgemein bekannt" ist, stimmt es also nicht. Vegan ist gesund, aber nicht aufgrund der geringen Kohlenhydratzufuhr.
 
Zurück zum Thema - was möchte ich euch damit eigentlich sagen? Was ist die Moral dieser wenigen Worte am Sonntag Abend? Insgeheim fühle ich mich wie ein kleiner Immanuel Kant und fordere euch auf, euren Verstand zu benutzen. Was Aussagen über Ernährung betrifft, die sich momentan wie Sand am Meer häufen, aber auch was jegliche andere Einwürfe zu jeglichen anderen Themen angeht. Zu oft werden Meinungen einfach aufgesaugt und übernommen, der Verstand sitzt tatenlos daneben. Nach Jahren der seltenen Benutzung ist er etwas eingerostet - dieser Post soll ihn ölen. Nehmt nicht alles für Bares und legt die Illusion ab, etwas mit "Das ist doch allgemein bekannt"/"Das weiß man doch" begründen zu können. So funktioniert das nicht!
 
Zur Feier dieses Sonntagswortes, lasse ich euch einige Links zu Youtubevideos da, die erklären, wieso Veganismus gesund UND ethisch vertretbar ist. Was nämlich noch schlimmer ist, als Meinungen einfach zu übernehmen, ist, sich anderen Stellungsnahmen zu verschließen, da sie das vorhandene Weltbild zum Schwanken bringen. Es geht nicht darum, euch zum Veganismus zu zwingen - ich selbst ernähre mich nicht vegan - sondern darum, die Veganer nicht als irrationale Randgruppe zu betrachten, die eine ungesunde, zum Tod führende Ernährung propagiert. Was hätten sie denn davon? Die Milch- und Fleischindustrie dagegen macht eine Menge Kohle!
Jetzt wo wir jung sind, müssen wir die Möglichkeit ergreifen, unser noch flexibles Weltbild täglich ins Schwanken bringen, daran arbeiten und mit offenen Augen durch die Welt laufen. Kompass braucht ihr nicht, eure Augen schon.
 
P.S.: Eine gesunde vegane Ernährung beinhaltet genauso wenig Sojaprodukte, wie eine gesunde Allesfresser-Ernährung Milchshakes und Mortadella.
 
Was sind eure Gedanken darüber? Habt ihr Veganer in eurem Umfeld?
Hegt ihr Vorurteile oder habt ihr logische Argumente, aufgrund derer ihr die vegane Lebensweise ablehnt? Denkt ihr, dass unsere Gesellschaft logisch und vernunftgeleitet ist?
xx, Ana
Kommentare on "Über Immanuel Kant und Veganismus"
  1. Hallo Ana
    Ich selbst ernähre mich fast vegan und höre regelmäßig "was es doch für eine Wissenschaft wäre sich vernünftig vegan zu ernähren" und wie gefährlich das doch ist.
    Alles totaler Bullshit und einfach nur nervig.
    Ist doch meine Sache, wieso muss man sich eigentlich immer rechtfertigen wenn man sich gesund ernährt.
    Wie du schon schreibst die Menschen übernehmen lieber fremde Argumente und Meinungen anstatt sich einfach mal selbst über das Ganze zu informieren.
    Deswegen habe ich mittlerweile absolut keine Lust mit Leuten über eine Ernährungsweise zu diskutieren, wenn sie von der ganzen Materie keine Ahnung haben.
    Dabei ist es heutzutage so einfach sich über die verschiedensten Themen zu informieren.
    Liebe Grüße
    Nina

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    1. Du sprichst mir aus der Seele - in solchen Diskussionen (egal wie nett, fair und freundlich man einen Bruchteil seiner Argumente erklärt), wird man abgewürgt und total abwertend betrachtet. Ich verweise dann immer auf Quellen, meine Zeit ist mir da zu schade für :D

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  2. Hallo Ana,

    ich bin zwar "nur" Vegetarierin, kriege da aber schon genug Kommentare zu hören, ob ich mich nicht mangelernähre usw. Und ob es nicht richtig schwierig wäre, auf Fleisch zu verzichten. - Nein. Es wird irgendwann normal.
    Das einzige Problem ist immer noch, dass es zu wenig Angebote für Vegetarier vor allem in Gaststätten gibt und das bei Veganern noch schwieriger wird.
    Soja esse ich auch kaum bis gar nicht, aber manche tun so, als wäre Fleisch die einzige Nahrung.

    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Ja, wobei das ja immer besser wird (Backwerk ist vegan!!!). Mir geht es aber eher, um diese Abwehrhaltung den Leuten gegenüber - hört ihnen doch wenigstens zu und seid offen. :) Wie du auch meintest: Mangelernährung kann man in als Fleischfresser und als Vegetarier und als Veganer haben - ist nicht so dass Fleisch das Superfood mit all den Nährstoffen ist ;)

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  3. Ich bin vegan, und gleichzeitig unglaublich genervt von all den Veganern, die penetrant versuchen, anderen ihre Ernährung aufzuzwingen. Ich sehe andauernd irgendwelche Youtube-Videos, unter denen irgendwelche Veganer posten "You should go vegan" oder "Your diet is bad because xyz, you should definitely go vegan" und blah blah blah. Genau diese Kommentare sogar dafür, dass man so ein schlechtes Bild vom Veganismus kriegt, weil ja "alle" Veganer versuchen, jedem ihre Ernährungsweise aufzudrängen.
    Von daher finde ich deinen Post sehr erfrischend! Ich finde einfach, man muss sich mit dem Ganzen auseinandersetzen. Wenn man weiß, was in Schlachthäusern passiert oder warum man einen Liter Milch hinterhergeworfen bekommt und dann noch Fleisch/Milch konsumieren will, der kann das von mir aus tun. Man muss Bewusstsein kreieren - nicht irgendjemanden konvertieren.

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    1. Sehe ich genauso - traurig ist dann die Abwehrhaltung. Ich möchte die Leute nicht konvertieren, aber sie sollen einsehen, dass die Schlachtung von Tieren niemals "fair" und "menschlich" sein kann. Wer dann immernoch nicht auf das Schnitzel verzichten kann - gut! Aber zu behaupten, dass Veganer keine Ahnung hätten, lügen würden und dabei selbst nicht mal über ein Wort nachdenken wollen, erscheint mir ignorant.

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  4. Hey Ana ♥

    deinen Artikel finde ich einfach wunderbar erfrischend und ehrlich. Danke :)

    Ich selber, will gesünder essen und bin erst vor ein paar Monaten aus meinem Wolkenschloß gefallen und habe einfach alles geglaubt, was einem so dargelegt wird... Schrecklich... Jetzt hinterfrage ich vieles, was mir wirklich die Augen etwas geöffnet hat.
    Es gibt einfach so vieles, was verschleiert wird, denn es wird damit ja Geld verdient.
    Wir nehmen da Zucker (und ich spreche aus Erfahrung, ich war Zuckersüchtig), alle wissen ja, dass er nicht gut ist, aber ein bissl was essen, das geht ja. Aber schonmal dran gedacht, wie viel Zucker man zu sich nimmt, den der Körper gar nicht verarbeiten kann? Nein! Denn ich wurde ja nicht dicker, also war ja alles gut, auch wenn ich Unmengen, und ich betone wirklich Unmengen! von Zucker in mich hineingeschüttet habe. Und wie ich die Sucht gemerkt habe. Mein Problem war auch, dass ich durch diese ganze Ernährungen... eine Fructoseintolleranz bekommen habe, wo ich noch nicht mal wirklich auf Obst ausweichen konnte (auch wenn da auch nicht alles gut ist was glänzt xD).
    Zurück zum veganen Lebensstil. Ich will es einfach schaffen, mich besser zu ernähren und auch nicht Fleischersatzprodukte in mich hineinschaufeln, die auch noch voller Müll sind... Außerdem sehe ich da wieder den Vergleich zum Fleisch. Aber aller Anfang ist schwer.

    Naja man kann über diese Themen endlos weiterreden, jeder muss selber erfahren, wie es ist. Bloß ich finde diese Lobby einfach nur erschreckend...

    Liebste Grüße Sine

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  5. Hey Sine, das freut mich total!
    Genauso ist es - allein Low Carb lebt ja von dem Jojo Effekt, der die Leute dazu zwingt, der Abnehmindustrie anhänglich zu werden. Ja Zuckersucht ist ja ein weit verbreitetes Problem!

    So geht es mir auch - sicher ist es nicht einfach von dem ganzen raffinierten wegzukommen und hauptsächlich frisch zu essen, aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg! ;)

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