REZENSION: "Die Luft da oben" von Pauline Keller



War es früher anders? Gab es eine Zeit, in der Lena dazugehörte? Eine Zeit, in der sie normal war, nicht auffiel? Eine Zeit, in der sie "hineinpasste"?
Lenas Geschichte packt: mit Eltern, die drücken, drängen und mit "den anderen" vergleichen. Packt mit Verena, der besten Freundin -. die keine Freundin ist, mit dem Schwager Manfred, einem Mister Oberwichtig, Pascha und spackig bis dorthinaus. Mit Christian, Lenas Freund, der für sie da ist, was auch passiert. Doch vor allem packt Lenas Größe, 1 Meter und 82 Zentimeter, die sich zwischen sie und andere Menschen zwängen. 1 Meter und 82 Zentimeter, die sie immer wieder aufs Neue verletzen.
Aufrichtig und mit schwarzem Humor erzählt "Die Luft da oben" von einer Außenseiterin. Es gelingt der Autorin, einen unsichtbaren Gegner sichtbar werden zu lassen - den mächtigsten Gegner, den ein junger Mensch haben kann: sich selbst. [via Amazon]

"Was bin ich dämlich!" lautet der erste Satz von Pauline Kellers Debütroman, den sie ihrer Protagonistin Lena Wegner in den Mund legt. Beim Weiterlesen springen dem Leser noch mehr solche Aussagen a la "Nichts als eine Last bin ich." entgegen, welche Lena sich selber unaufhörlich zuschreibt. Damit ist schnell klar, welches Thema "Die Luft da oben" den Lesern nahe bringen möchte: Verdrehte Selbstwahrnehmung, enorme Selbstzweifel und die Aufgabe der Selbstschätzung. Dabei ist dem objektiven Leser schnell klar, dass mit Lena ganz und gar nicht alles falsch  ist. Im Gegenteil: Lena kann ein erfolgreich abgeschlossenes BWL-Studium und einen fürsorglichen Freund an ihrer Seite aufweisen. Und trotzdem sieht sie sich nicht wie eine erfolgreiche junge Frau, der die Zukunft zu Füßen liegt. "Wüsste ich doch nur selbst, was aus mir werden soll!" denkt sie stattdessen. Grund für dieses Selbstbild, was in mir zuerst nur ein ungläubiges und verächtliches Kopfschütteln auslöste, sind ihre Eltern, die das Studium verachten, ihr Schwager, der seine Komplexe an Lena auslässt, und ihre beste Freundin, deren zweiter Vorname "Neid" lauten sollte. Nicht zu vergessen ihre Schwiegereltern in spe, welche in Lena eine Babymaschine sehen.

Die ablehnende und genervte Haltung Lena gegenüber, schwindet langsam, je mehr man von ihrem Umfeld zu Gesicht bekommt - an dessen Stelle trifft mich eine Erkenntnis wie ein Schlag: Ein toxisches Umfeld macht mehr kaputt, als man als immer behütetes Kind erwartet hätte. Pauline Keller zeichnet die Schwierigkeit auf, sich einen realistischen Spiegel vorzuhalten, wenn einem doch von allen Seiten an den Armen gezerrt wird. Ein Tritt von links, ein Schlag von rechts - wie soll man jetzt noch den Spiegel grade halten und erkennen, wer man wirklich ist?

Jede junge Frau, die sich manchmal doch nicht so stark, bedeutend und schön fühlt, wird in Lena ein übertriebenes Abbild ihrer Selbst finden: Als wäre das Problem der Berufswahl (Tue ich was mir Spaß macht, was Geld macht oder was Anerkennung macht?) nicht bereits eine große Welle, die immer näher rast, so perfektionieren tausend andere Erwartungen den Tsunami: Schlechte Freunde, die unaufhaltsam abwertende Kommentare produzieren, und der Konflikt um die Frauenrolle, welcher uns tagtägliche um die Ohren saust. Lena kennt das alles!
Durch die starke Übertreibung von Lenas Konflikt passiert es oft, dass Keller zu tief in die Klischeekiste greift und viele Stereotypen verwendet: So wirkt die Darstellung der versnobbten und konservativen Schwiegermutter, die Lena wortwörtlich "Deine biologische Uhr tickt!" mit hysterischen Handbewegungen ins Gesicht brüllt, etwas überspitzt. Genauso wie der fette Schwager, welcher der Protagonistin die unverschämtesten Witze bei der Familientafel ins Gesicht lacht und dabei von niemandem schief angeguckt wird. Kurzum: es erscheint mir etwas over the top.
Einen ganzen Ticken zu offensichtlich wird es aber spätestens, wenn das Klassentreffen vor der Tür steht, vor dem sich Lena (wie sollte es denn anders sein?) bitterlich fürchtet. Die Beschreibung ihrer Klassenkameraden erinnert etwas zu stark an "Mean Girls", nur dass hier die Plastics "Svenjas" heißen. Die stereotypische Kategorisierung von Schulklassen macht zugegebenermaßen Spaß und kann einen gewissen Reiz aufweisen - übertreibt man es mit der Portionierung so driftet der Roman schnell ins Oberflächliche ab. Zu schade, denn die Botschaft, die "Die Luft da oben" mitgeben soll, ist alles andere als flach. Generell traf bei mir das Motiv des Klassentreffens jedoch auf Begeisterung: Schließlich gibt es selten Ereignisse, bei denen wir richtig abrechnen und gewissen Persönchen mit Hilfe unseres Erfolges den unbeliebten Finger zeigen können.

Was das Ende angeht, verrate ich gar nichts, vielleicht nur, dass "Die Luft da oben" die Geschichte einer Reise erzählt. Keller verpackt diese Geschichte mit ziemlich verschachtelten Sätzen, komplizierten Satzgebilden und einem sehr wortgewandten Flair. Es wird deutlich, dass sie mit Worten umgehen kann, jedoch kommt man hier an einer gewissen Einfindungszeit nicht vorbei, um mit dem Überschuss an Ausrufen, Lautmalereien und Verschachtelungen klarzukommen.

Zuletzt lässt sich nur sagen, dass "Die Luft da oben" kein typischer Roman a la Spannungskurve, love interest und "Drama Baby" ist. Stattdessen lockt Keller mit einer überspitzten Darstellung der Realität, die uns davor warnt zu sehr auf andere zu hören oder mit unseren dahingesagten Worten eine toxische Kettenreaktion in der Selbstwahrnehmung anderer auszulösen. Es ist ein Appell an uns, die Wirkung des Umfeldes zu verstehen und verdammt nochmal an die eigenen Träume zu glauben. Wen außergewöhnliche Sprachstile reizen und über einige zu offensichtlich platzierte Klischees hinweg sehen kann, der sollte den Versuch wagen, den Debütroman von Pauline Keller auszuprobieren. Und an all die grauen Mäuschen da draußen, die "Twilight" lesen und darauf warten, dass Edward Cullen sie rettet: Für euch ist "Die Luft da oben" Pflichtlektüre.

an die liebe Pauline Keller!
 Fühl dich gedrückt - ich hoffe noch viele weitere Romane von dir zu lesen!

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