Der Schimmelfleck an meiner Wand

Weihnachtszeit ist Entrümpelungszeit. Generell sind Feiertage immer gut dafür, Dinge zu tun, die im Schatten der Schule, den Freunden, den Stadtbesuchen und dem Sport in Vergessenheit geraten. Sobald der Großteil unseres Lebensinhalts vom 23. Dezember bis zum 2. Januar mehr oder weniger auf Stillstand gebracht wird, werden wir dazu gezwungen mal die durch eine Staubschicht gekennzeichneten Bereiche zu durchforsten. In meinem Fall mein Bücherregal.

Linkes Regal, zweite Ablage von oben. Dort bewahre ich alle meine geliebten Rick Riordan Romane auf, welche ich mit 12 Jahren zu lesen anfing und immer noch innig liebe.... Leider aber nicht oft in die Hand nehme - auch die verdienen ein wenig Staubgewische. Ich leere das Regal und mache eine unerfreuliche Bekanntschaft. Der kleine Schimmelfleck an meiner Wand. Ungefähr so groß wie eine 2 Euro Münze und von einer dunkelgrünen Färbung. Schon das dritte Mal, dass ich ihn beim jährlichen Putzmarathon entdecke. Er ist eklig und ich bekomme Gänsehaut, denke fieberhaft darüber nach, wie ich ihn entfernen kann... Eigentlich ist dafür keine Zeit, denn ich räume grade mein Regal auf. Also denn, Bücher entstauben und wieder reinstellen. Sieh mal einer an!, der Fleck ist weg - zumindest sehe ich ihn nicht mehr. Aus den Augen aus dem Sinn, Problem gelöst. Zumindest bis zum nächsten Jahr. 

Dass er dann vielleicht so groß sein wird wie der Boden einer Duftkerze oder viel schlimmer: Auf die Seiten meiner Geliebten Bücher übergehen wird, ist mir zu dem Zeitpunkt egal. Einfach Drüberstapeln bis ich mich damit nicht mehr auseinandersetzen muss. Es erscheint mir sogar eine Überlegung Wert, meine aussortierten Klamotten hinter dieses Regal zu stopfen. Oder noch besser: Die Dinge, die zwischen mir und einer guten Freundin stehen und die ich mich doch nicht traue anzusprechen. War da nicht dieser Kerl, mit welchem ich Nächte durchreden und dann plötzlich nicht mal mehr ein "Hallo" auf der Straße wechseln konnte? Für meine Wut darüber ist sicher noch ein Fitzelchen Platz frei. Dann Bücher drüber. Aus den Augen aus dem Sinn. So einfach geht das.

Wir Menschen haben eine Hass-Liebe-Beziehung zu unseren Problemen. Es gibt zwei Arten von ihnen: Die Probleme, die gar keine sind und die Probleme, die ihrem Namen gerecht werden und uns den Schlaf rauben, insofern wir kein magisches Buchregal, eine chaotische Schublade oder ähnlichen sichtgeschützten Raum besitzen. Die erstere Sorte lieben wir - wir quatschen jeden Tag darüber, jammern uns glücklich und erfreuen uns an der Intensität und Spannung unseres Lebens. Über die zweite Sorte reden wir nicht gerne oder gar nicht. Manchmal nicht mal mit uns selbst. Wieso auch, wenn man es hinter etwas anderem verstecken kann. Aus den Augen aus dem Sinn, richtig?

Nein. Resultat ist nämlich, dass der Inhalt des Regals irgendwann nach Luft schnappt, sich beengt fühlt und nach Freiheit ringt. Die Bücher kippen nach vorne, es entsteht ein wenig Krach und schon liegt uns viele Jahre alter Rümpel zu Füßen.

Und jetzt stellt euch den Versuch vor, den riesigen Haufen an Kram, der uns ekelt, den wir nicht vor Augen haben wollen und der viel zu groß ist für den beschränkten Platz unserer Schublade, wieder da reinzustopfen. Für einzelne Stücke findet man immer eine Lücke zum Quetschen, das war einfach, aber was machen wir jetzt, wo uns die vereinte Kraft dieser verdrängten Objekte gegenübersteht. 
Vorbei. Wir hocken uns hin und sortieren. Wir schmeißen weg, was weg muss, falten was Knicke bekommen hat und reparieren, was Schaden genommen hat, aber zu kostbar ist, um im Müll zu landen. Geduld und Sorgfalt ist gefragt. Und Zeit. Aber so ist das nun mal mit den echten Problemen. Sie benötigen Zeit, die wir nicht haben und Sorgfalt, die wir lieber für die freudigen Dinge nutzen. 
Trotzdem - wenn der Haufen Kram vor dem Regal zu groß wird, wie sollen wir dann noch an die guten Romane rankommen?
Kommentare on "Der Schimmelfleck an meiner Wand"
  1. Ich finde diesen Post absolut cool, diese Art, wie du die Thematik mit dieser Metapher verbindest - ich finde diesen Beitrag toll! *o*
    Und ja, du hast weitgehend recht. Manchen Problemen sollte man sich wirklich mal stellen, anstatt sie hinter das Regel aus den Augen zu befördern. Allerdings denke ich, dass es noch eine dritte Sorte von Problemen gibt - die, die am Anfang unglaublich schrecklich wirken, die aber, je mehr Zeit vergeht, immer mehr an ihrem Schrecken verlieren und sich oftmals entgegen aller Erwartungen und trotz allem Kopfzerbrechen ganz einfach lösen.
    Doch es gibt genug Probleme, die wir selbst lösen müssen, früher oder später. Und da ist es dann nicht mehr ratsam, einfach Zeit verstreichen zu lassen, denn im Gegensatz zu der dritten Sorte werden sie mit der Zeit meist nur noch größer.

    Nochmals in riesiges Lob für diesen coolen Stil!

    Liebe Grüße
    Dana

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    1. Hey Dana, daaaaanke *-*
      An diese dritte Sorte habe ich gar nicht gedacht, weil ich eher optimistisch bin und selten den Teufel an die Wand male. Aber gibt ja viele Menschen, die an den kleinsten Unruhen verzweifeln.

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  2. Falls du sie ausprobierst musst du mir unbedingt sagen, wie sie geworden sind! :)

    Und der Post ist richtig richtig gut! Vor allem die Schimmelfleck-Metapher! Und ja, es stimmt - je länger man Probleme vor sich herschiebt, desto schlimmer werden sie! Vor allem wenn es um Zwischenmenschliches geht ist das echt tödlich. Ist mir in den Weihnachtsferien auch wieder extreeeem aufgefallen!

    Ganz liebe Grüße!

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    1. Danke danke! Bin ja großer Fan von bildlicher Sprache - vor allem in Blogartikeln. Sie dann aber selber zu benutzen ist dann schon ziemlich ungewohnt und ... erschreckend. Man weiß nicht wie es ankommen wird ;)

      Jap mir auch! Da verarbeitet man ja immer alles :)

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  3. Hey Ana,
    richtig toll geschrieben. Ich kenne das leider nur zu gut ... aus den Augen aus dem Sinn :/ Da sind solche kleinen Erinnerungen wie die hier immer mal wieder gut!
    Liebe Grüße
    Clara

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    1. Hey Clara - ja ich denke da ist keiner allein ;)

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  4. Oh Ana, ich fand den Post super! Toll geschrieben!

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    1. Sandroooo, danke! :-* Weißt ja wie viel ich von deiner Meinung halte :-*

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