Thanksgiving - Ein Festtag der Dankbarkeit?

Letzten Donnerstag konnten wir über jegliche Social Media Kanäle beobachten, wie alle unsere liebsten Blogger und Vlogger Thanksgiving feiern. Viele vergleichen es mit dem christlichen Erntedankfest, auch wenn Thanksgiving an keine Religion gebunden ist, sondern ein Amerikanischer Nationalfeiertag. Dennoch bekommen wir hier in Europa ziemlich viel Wind von diesem harmonischen Familienfest, bei dem alle ihre Koffer packen, um zurück zu ihrem Heimatort zu fliegen und dort ein Festmahl zu genießen  dankbar für die kleinen Dinge im Leben zu sein. Auch ich höre immer mal wieder etwas über dieses Fest, sodass es mir unter den Nägeln brannte, herauszufinden, was man denn genau an jedem 4. Donnerstag im November feiert. Und so sollte es euch auch gehen - zumindest wenn ihr nicht wie die Leute enden wollt, die tatsächlich denken es gäbe einen Feiertag zu Anlass des Besuchs eines Osterhasen und der Suche nach einem Korb voller Süßigkeiten. 

Irgendwann, so in der 5. oder 6. Klasse lernten wir im Englischunterricht auch den Mythos hinter Thanksgiving kennen. Eine wunderbare Geschichte, abgedruckt in bunten Farben und lächelnden Gesichtern in unserem Englischbuch. Es hieß, dass die europäischen Pilger, welche aufgrund religiöser Gründe fliehen mussten, auf ihrem Schiff der Mayflower in dem heutigen Massachusetts landeten und den Ort nach ihrer Heimat benannten, Plymouth. Dort lebten zu der Zeit der Stamm der Wampanoag-Indianer, dessen Anführer "Squanto" sich mit einem früheren Siedler John Weymouth angefreundet hatte und den europäischen Siedlern die Gastfreundschaft anbot. Ohne diese wären die Pilger durch Hunger und Kälte schnell gestorben, konnten aber durch das Lernen des Anbaus von Mais und der Fischerei, eine gute Ernte erzielen und sich ein Leben aufbauen. 1621 luden sie "Squanto" und die Wampanoag zu einem großen Festessen ein - so schön sah das erste Thanksgiving aus. Nur schade, dass es das Einzige in dieser Form war.

Immer mehr Siedler kamen nach Amerika, darunter viele fanatische Christen, welche das freie, nicht eingezäunte Land sofort für sich beanspruchen wollten und die friedlichen Einheimischen töteten, vertrieben oder versklavten. Viele Kriege wurden zwischen verschiedenen Stämmen der Indianer und den Puritaner geführt, unter anderem der Pequot Krieg. Als 1637 der Stamm der Pequot ihr "Green Corn Festival" feierten, umzingelten die Siedler ihr Dorf, erschossen alle, die sich trauten die Häuser zu verlassen und zündeten das gesamte Dorf an. Nach dieser Massenabschlachtung genehmigten sie sich ein großes Festmahl zur Feier ihres Sieges. Zum ersten Mal fiel der Begriff "A Day Of Thanksgiving" - ein Fest, was die nächsten Jahre immer nach Gewinn einer Schlacht (insofern man einen Überfall auf unbewaffnete Dörfer so nennen kann) abgehalten wurde. Die Indianer wurden geköpft und ihre Köpfe wie Fußbälle durch die Straßen ihrer ehemaligen Dörfer getreten oder aufgespießt zur Schau gestellt - wo sie manchmal bis zu 25 Jahren blieben. Schließlich beschloss George Washington das Post-Massaker-Meal auf einen festen Feiertag im Jahr zu beschränken. 
Happy Thanksgiving, Leute! Lasst uns den Völkermord an einem Stamm feiern, der seine Gastfreundlichkeit zum Verhängnis wurde, da er nicht mit der grausamen Weltanschauung des Kapitalismus gerechnet hat. 

Abgesehen von dem blutigen Hintergrund dieses kunterbunten und äußerst "sinnlichen" Festtages, habe ich nach dem Lesen von unzähligen Artikeln den starken Eindruck, dass Thanksgiving nur eine weitere Form der Gesellschaftskrankheit "Mehr Schein als Sein" ist. Eine Erinnerung daran, dass wir dankbar, bescheidend und familiengebunden sein sollen? Ich kriege von allem nur die Vorfreude darauf mit, sich endlich mal exzessiv vollfressen zu können, um dann wenige Stunden später am Black Friday die Kaufhäuser zu stürmen, um unserer Konsumsucht freien Lauf zu lassen. Da gilt dann wer zuerst kommt, malt zuerst. Daher kann es auch nicht schaden die Ellenbogen auszufahren und sich an den Kaufhausschlangen bittere Wortgefechte á la "Wer hat hier eigentlich vorgedrängelt?" zu liefern, wenn es doch darum geht die besten Snäppchen zu ergattern. Die Erinnerung an die Bescheidenheit, die Dankbarkeit und die Nächstenliebe bringt, wie man sieht, sehr viel. 
Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich finde es fabelhaft, dass ein Fest der Dankbarkeit existiert (zumindest irgendwo im tief versteckten Kern). Allerdings ist es aus vielen aktuellen Anlässen wichtig den wahren geschichtlichen Kontext zu kennen, da dies nicht der Einzige Völkermord unserer Geschichte war und es mittlerweile auch beim Weihnachtsfest mehr um die teuren Geschenke und um die Lebkuchen, als um die schöne Zeit mit der Familie geht. Ich möchte Weihnachten nicht so feiern, wie die Konsumgesellschaft es mir vorschreibt. Ein Statement, über das ich die Vorweihnachtszeit mehr Nachdenken möchte, als darüber welche Michael Kors Tasche ich mir wünschen soll. 

Was denkt ihr darüber? xx, Ana
Be First to Post Comment !
Kommentar veröffentlichen