REZENSION: "HOLLY - Die verschwundene Chefredakteurin" von Anna Friedrich


Holly – die neue Kultserie. Holly ist die Frauenzeitschrift in Deutschland. Holly sagt, was Mode ist, und bestimmt die Trends. Jeden Monat arbeiten viele Frauen (und ein paar Männer) an der nächsten Ausgabe des Magazins. Sie sind jung, alt, dick, dünn, It-Girls, Intellektuelle, Bitches und Muttis. Sie wollen Karriere machen, Kinder kriegen, aufregenden Sex, die Welt verbessern und neue Schuhe. Machtkämpfe und Intrigen stehen in der Redaktion auf der Tagesordnung – Journalisten befehden sich, Freundschaften werden geknüpft, und verbotene Affären könnten jeden Moment ans Licht kommen. Die Jobs bei Holly sind hart umkämpft und heiß begehrt. Dementsprechend nervös ist die junge Simone Pfeffer, die als Controllerin zu Holly stoßen soll, vor ihrem Abendessen mit der Chefredakteurin Annika Stassen. Die fast 50-jährige Stassen, Grande Dame der Medienwelt, gilt als ausgesprochen kühl. Und wie befürchtet, ist sie nicht gerade begeistert von Simones neuer Rolle in der Redaktion. Doch dann passiert etwas, womit niemand gerechnet hat: Annika Stassen verschwindet spurlos und bleibt unauffindbar. Was steckt dahinter? Ein Skandal? Ein Verbrechen? Von einem Tag auf den anderen ist Deutschlands größte Frauenzeitschrift führungslos. Und das Chaos bricht aus … Das Must-have des Jahres: Eine Buchserie, die süchtig macht. 1 Staffel, 6 Bücher, jeden Monat ein neuer Band. [via Lovelybooks] 

"Smart. Sexy. Holly." Mit diesem knackigen Slogan bewirbt der Goldmann Verlag diese neue Romanreihe, die zwar nur halb so groß ist wie ein gewöhnlicher Roman, mit seinem eigenartigen Konzept jedoch heraus sticht. Denkt man auf dem ersten Blick es hätte sich eine Zeitschrift im Buchstapel verlaufen, ist man danach umso neugieriger  zu wissen, was sich hinter dem 5-Euro-Snäppchen mit nur 150 Seiten verbirgt. Mit der Aufmachung macht "Holly" den Eindruck auf den "Gossip Girl"-Zug aufspringen zu wollen, auf dem sich unter anderem Geschichten wie "Der Teufel trägt Prada" mit schmunzelnden Intrigen und mächtigen Frauen einen Platz in der A-Klasse gesichert haben. Ein Zug auf dem man als Autorin die Ellenbogen ausfahren muss, um nicht zu enttäuschen.

Eine so große und erfolgreiche Redaktion, wie diese, die die Kultzeitschrift "Holly" produziert, ist geprägt von Deadlines, interessanten Persönlichkeiten, die sich nicht selten in die Haare kriegen, und Chaos. Autorin Anna Friedrich schien uns Lesern etwas Überblick gewähren zu wollen, weshalb ganz zu Beginn alle Charakteren aufgelistet werden. Erinnert etwas an die Dramen aus dem Deutschunterricht und orientiert sich sonst an der Welt des Theaters. Friedrichs Schreibstil stellt sich als ziemlich gewöhnungsbedürftig und doch wahnsinnig unterhaltsam heraus: Drehanweisungen wie die Position der Kamera, Aufnahmen von Berlin und die detaillierte Beschreibung jedes Outfits (inklusive Kleidungsbrand versteht sich) begleitet den "normalen" Romantext. Alles ist stark an die Neuen Medien angelegt und setzt dem sowieso schon modernen Image von "Holly" noch die Krone auf.


Den Plot betreffend, scheint es als hätte Friedrich mit der aufwendigen Gestaltung ihrer Schreibe bereits ihr Pulver verschossen, denn dieser bleibt über die wenigen 150 Seiten sehr platt und oberflächlich. Im Grunde genommen passiert nichts - ausgenommen der Chefredaukterin die verschwindet, aber mehr, als im Klappentext bereits angekündigt, wird nicht verraten. Dennoch habe ich mich nicht schlecht unterhalten gefühlt. Es werden unglaublich viele Charaktere vorgestellt und die Perspektive wechselt unentwegt, um jeder der strahlenden Persönlichkeiten, die bei "Holly" ihr Unwesen treiben, vor die Linse zu bekommen: Das spontane Schreibgenie, die Sexsüchtige, die revolutionäre und gefallene Spitzenredakteurin und unter anderem "die Neue", Simone Pfeffer, die eigentlich als Protagonistin vorgestellt wird und doch zu selten zu Wort kommt. Zumindest habe ich immer noch keinen Plan, wer sie ist und was sie genau will.

So etwas wie "Holly" habe ich noch nie gelesen. Dieser Roman versucht nicht dem Leser die Charaktere vertraut zu machen, sondern lockt ihn damit, dass er liest und liest und doch alles ein Geheimnis bleibt. Wer plottet gegen wen und wer hat noch ein Ass im Ärmel? Oft hätte ich mir gewünscht als Leser mindestens genauso viel zu wissen wie die Charaktere und nicht durch die Montagetechnik von Perspektive zu Perspektive geworfen zu werden. Allerdings ziehe ich vor Anna Friedrich den Hut, denn sie hat mich auf diese nervige und frustrierende Art geködert.

Wir sehen - in der Literatur ist alles möglich. Friedrich nutzt in ihrem Kurzroman "Holly" die gute alte Romanform, schreibt jedoch wie eine moderne Fashionbloggerin, die sich an einem Drehbuch versucht. Wieso meint ihr sind Intrigen so interessant? Ich denke, es ist das Geheimnisvolle und Ungewisse - das Warten darauf zu erfahren, wer wohl der Wolf im Schafspelz sein könnte. Mit dieser Strategie schafft es auch "Holly" den Leser zu fesseln, auch wenn die Handlung platt, oberflächlich und ziemlich unbedeutend bleibt. Die Charaktere sind alle hochinteressante Gesichter und man kann nicht aufhören zu lesen, denn man weiß einfach: Da steckt doch was im Busch!

Holly besucht man mit Fragen und verlässt es mit doppelt so vielen im Schlepptau. Der erste Band der 6-teiligen ersten Staffel dieses ungewöhnlich Formates schneidet den Plot nur an, denn in den 150 Seiten ist Friedrich eher damit beschäftigt die unzähligen Charaktere und deren Outfits von Kopf bis Fuß vorzustellen. Wer sich eine flotte und spannende Handlung wünscht, die man aufgrund der Transportfreundlichkeit des kleinen Büchleins auch mal im Zug lesen kann, der wird sich wünschen die paar Gramm mehr geschleppt zu haben. Wer allerdings, wie ich, auf der Suche nach Romanen mit interessanten und einzigartigen Charakteren ist, wird hier auf ein Dutzend treffen, die trotz ihrer kurzen Auftritte mit viel Liebe ausgearbeitet sind und somit keinesfalls wie Lückenfüller wirken. Wer ein großes Gefallen an Mode findet und Geschichten rund um starke Frauen und deren intrigante Machenschaften vergöttert, der sollte die fünf Euro riskieren und "Holly" eine Chance schenken. Ich für meinen Teil zücke gerne weitere 5 Euro um herauszufinden, wie es weitergeht. 

Anna Friedrich ist ein Pseudonym. Gäbe es sie wirklich, würde sie in Hamburg leben.

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