Ich habe Angst davor, dass das Internet mir mein Leben wegnimmt

Guten Abend meine Lieben, 
relativ lang ist's her, dass hier auf Stories Dreams Books mal wieder ein Beitrag erscheint. Die erste bloglose Woche dachte ich, mich hätte mal wieder die (Vor-)Winterdepression erwischt, denn dafür bin ich ein leichtes Opfer. Dann aber ist mir aufgefallen, dass ich ziemlich aktiv war und meine Produktivität nicht den Bach runterging, wie sonst immer, wenn ich vergebens nach Sonnenstrahlen suche. Dieses Mal war es aber nicht so - ich war sehr oft beim Sport, habe mich überdurchschnittlich oft mit Freunden getroffen, kam was Schulsachen angeht auch gut klar und habe - ihr werdet es kaum glauben - mein Cello aus der staubigen Ecke geholt und seitdem jeden Tag aus freien Stücken ein wenig gespielt (dazu muss man sagen, dass das letzte Mal über vier Jahre her ist!). Komischerweise blieb aber das Bloggen auf der Strecke und es erschien mir einfach unmöglich, mich für eine Stunde vor den Laptop zu setzen und etwas zu schreiben. Seltsam.

So ging das über drei Wochen, und auch wenn das für viele kaum eine Erwähnung wert wäre, war es mir ein Dorn im Auge, denn ich liebe das Bloggen. Aus diesem Grund habe ich mich eine Zeit lang selbst beobachtet und musste mir letztendlich eingestehen, dass die ganze Essena O'Neill Geschichte im Internet unbewusste Spuren auf mir hinterlassen hatte: Ich habe Angst, dass das Internet mir mein Leben wegnimmt.


Klingt beim ersten Hören dramatisch und sehr weit hergeholt, ist es aber nicht. Die letzten Wochen habe ich viel reflektiert, über Ideale, Selbstwertgefühl und gesellschaftliche Werte nachgedacht und bin somit auf viele neue Gedanken und Erkenntnisse gestoßen. Was Essena in ihren letzten Videos flennend verkündet, war mir vorher auch klar: Was da im Internet auf Social Media Kanälen gezeigt wird, ist nicht das Wahre Leben - zumindest nicht vollständig! Es sind die schönen, ästhetisierten Momente, die man durch eine Kameralinse aufzufangen versucht und wie ein Gemälde ausstellt. Daran ist gar nichts Schlimmes! Fotografie ist nun mal eine Art von Kunst und somit ist es in meinen Augen vollkommen legitim sich von seiner Sonnenseite zu zeigen. Die Verantwortung und Gefahr liegt bei jedem in der Rolle des Betrachters und Konsumenten dieser Medien. Wir als Konsumenten (auch wenn das Wort mechanisch klingt, trifft es den Nagel auf den Kopf) dürfen die Objekte, die im Internet präsentiert werden nur nicht mit dem verwechseln, was in der - "Wahren Welt" passiert.

Ich denke von mir persönlich, dass ich zwischen Internetversion und Realität unterscheiden kann. Dort sehe ich bei mir nicht die Gefahr. Eine Frage, mit der ich allerdings zu kämpfen hatte (und immernoch habe) ist, ob ich vielleicht trotzdem mehr Zeit in der digitalen Ebene, als in der Echten verbringe. Nach der Schule eine Stunde auf Social Media, vor dem Einschlafen genauso. Am Wochenende einige Folgen meiner neuen Lieblingsserie, denn da erleben die Charaktere immer so aufregende und spannende Sachen. Nehmt es auf, wie ihr wollt - auch beim Lesen tauchen wir in eine Nebenwelt ein, die nicht der Realen entspricht. Erlebe ich zu wenig, weil ich lieber dabei zusehe, wie andere etwas Erleben? Passivität ist gemütlicher, als aktiv die Welt zu erkunden. Und auch wenn man es schafft, an einem kalten Herbsttag mit Freunden in die Stadt zu fahren, hat man nicht die Garantie, ein Abenteuer zu erleben. Es ist einfacher mit Bullshit TV in Begleitung - selbstverständlich nur auf dem Handydisplay -  sein Mittagessen zu genießen, anstatt mit seinen Eltern zu essen. Letztere fragen vielleicht auch mal Dinge, über die man nicht gerne reden will, vielleicht ist man nicht besonders gut Themen zu finden, über die man sich unbeschwert unterhalten kann. Aber ist Passivität deshalb vorzuziehen?

Ich fürchte, dass jeder hier vehement den Kopf schüttelt, unsere Handlungen jedoch eine ganz andere Sprache sprechen. Wenn es darauf ankommt eine Entscheidung zu fällen, wählen wir den leichten Weg, "Take it Easy" ist Kult und Konfrontationen ein absolutes "No Go". Auch mir fällt passiv sein leichter und oftmals ist die Welt in Rom-Coms und Fantasyromanen so viel annehmbarer, als die Kälte und Härte echter zwischenmenschlicher Beziehungen voller Misstrauen, Vertrauensbruch und Machtspielchen. Doch wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Ist übrigens vor zwei Wochen zu meinem Motto auserkoren worden. Die gesellschafts- und medienbedingte Vermeidung von Aktivität, schwank in meinem Fall zu einer enormen Angst vor Passivität um. Dort liegt auch die Ursache meiner Blogpause - ich habe Angst zu wenig zu erleben und das ist kein schönes Gefühl. Viele haben mich nur argwöhnisch angeguckt, wenn ich das Thema angeschnitten habe. Es stimmt, dass ich viel tue und ständig auf Achse bin, ABER ich bin auch viel auf Social Media unterwegs. So läuft es mir kalt den Rücken runter, wenn Essena weinend verkündet: "Being with people in your real life, hugging people, talking to people, going out to the park into nature. That is fucking real life. And I didn't do it for the majority of my life because I was living in a screen." Hm, irgendwo erkennen wir uns da wohl alle wieder.

Ich vergöttere Essena dafür, dass sie mir mit dem Video die Augen geöffnet hat (auch wenn viele diese Videos für Selbstpromotion halten), aber ich glaube nicht, dass die vollständige Abschottung von dem digitalen Leben eine langfristige Verbesserung darstellt. Social Media ist ein wichtiger Teil des Lebens unserer Generation und deshalb werde ich auch weiterhin bloggen, was das Zeug hält. Aber ich werde nicht mit meinem Handy essen und es mir zweimal überlegen, ob ich alleine einige Folgen Prison Break konsumiere. Balance is key, auch wenn der Seiltanz viel Übung erfordert. Das ist in meinen Augen die Herausforderung, die wir alle annehmen müssen, wenn wir erfolgreich zwischen Internetwelt und Realität leben wollen. Wolfgang Welsch nennt den modernen Menschen einen "Nomaden zwischen verschiedenen Wirklichkeitsformen". Ich stelle fest, dass ich mich mit diesem Begriff ganz gut identifizieren kann.


Wie seht ihr das? Habt ihr euch jemals Gedanken darüber gemacht? Wie geht ihr mit den Sozialen Netzwerken um? Wünscht ihr euch manchmal auch "Bildschirmfreie Zeit"? 
xx, Ana
Kommentare on "Ich habe Angst davor, dass das Internet mir mein Leben wegnimmt"
  1. Naaa
    Ich musste mal 2 Monate auf mein Handy verzichten. Für manche klingt das graußam XD. Ich gebe zu, am Anfang war es schon eine Umstellung. Man hat erst bemerkt, welche Dinge man alles tut, und vor allem wie lange. MIr viel auf das ich mehr Zeit habe, weil kein Handy-keine ABlenkung. Mir viel aber auch auf das mir Teils wichtige Infos fehlten. Selbst unsere Lehrer schreiben Termine über whats app. Ich denke im Nachhinein, dass es mir echt gut getan hat.
    Alles Liebe
    Lena <3 von http://cakebooks-blog.blogspot.de/

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  2. Naa
    Ein tollen Post hast du da geschrieben.
    Ich musste mal 2 Monate auf mein Handy verzichten. Ich gebe zu es war Anfangs schon eine Umstellung. Ich habe bemerkt:
    1Wie viel Zeit man eigentlich nur am Handy sitzt ohne es zu bemerken.
    2.Für was man es alles nutzt
    3 Das ich mehr Zeit hatte und produktiver war. (Kein Handy-Keine Apps-keine große Ablenkung von HAs)
    4 Wie viele Informationen man täglich über das Internet erhält. Vergesse ich mein Schulbuch-whats app und jemanden fragen. Auch unsere Lehrer schicken wichtige Termine über das Handy.
    5. Das man sich auf Menschen verlassen muss (Pünktlichkeit)
    6.Lange Weile in Bus oder Bahn (keine Musik)

    Ich finde es schade, dasdass Internet oder Handys im Leben mitle´rweile so eine hohe Stellung haben.
    Alles Liebe
    Lena<3 von http://cakebooks-blog.blogspot.de/

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    1. Hey Lena, danke für deinen lieben Kommentar!
      I feeeeel you - momentan kann ich es mir nur nicht erlauben, auf mein Handy zu verzichten, da ich auf Anrufe warte usw. Würde es aber so gerne mal für ein- zwei Wochen im Müll lassen!

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  3. Hey Ana,
    was für ein toller Post! Kann Deine Gefühle gut nachvollziehen. Verordne mir manchmal selber Entzugs-Wochen oder so etwas ähnliches, wenn ich merke dass ich im Internet versinke.

    Aber hey, gleich schreibe ich an der Rezi über ein wunderschönes Buch weiter, gehe in ein paar Stunden zum Tanzen und treffe heute Abend meine Familie. ♥ Mitten im Leben ♥
    Bloggen, Schule, Leben, ... - Balance is key.

    Nochmal, ein wirklich schöner Post.
    Ganz liebe Grüße,
    Jo ♥

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    1. Hey Jo danke danke danke!
      Ja, genau so ist das - es gibt nichts wichtigeres als Balance im Leben!

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  4. Hmmm ... ich liebe das Internet haha :D Also ich kann mir den ganzen lieben langen Tag Folgen von irgendeiner Serie angucken. Ich fühle mich dann irgendwie auch nicht so, als würde ich mir damit selbst irgendwas wegnehmen. Oder auch Instagram oder Youtube finde ich super. Damit habe ich gar kein Problem - wenn, dann stört mich eher manchmal Whatsapp. Klar ist es super, ständig und überall erreichbar zu sein (hasse es auch wenn leute länger als fünf oder zehn Minuten zum Antworten brauchen), aber manchmal nerven mich auch Nachrichten, wenn Leute zum Beispiel mit einem Schreiben wollen, auf die man keinen Bock hat. Konnte mit dem Video von Essena auch nicht viel anfangen. Finde, wenn man so ein Problem damit hat und sich so fühlt, als würde Social Media einem etwas vom Leben wegnehmen oder so, dann hat man es selbst übertrieben. Man sollte schon noch kontrollieren können, wie viel Zeit man im virtuellen und wie viel im realen Leben verbringt.
    Für mich ist das Internet auch mehr so ein Lückenfüller. Also ich gucke Serien ja dann auch nur dann, wenn ich gerade nichts vorhabe oder so, also kann ich die Frage nicht so ganz nachvollziehen, was mir in der Zeit entgehen sollte :D

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    1. Hmm ja es ist ja für jeden anders. Ich kann z.B. nicht den ganzen Tag Serien gucken, ohne mich etwas schlecht zu fühlen, aber das bleibt ja jedem selbst überlassen und generell ist ja auch nichts falsch daran :)

      Bei mir ist es genau andersrum - finde dass Whatsapp das Einzige wirklich sinnvolle ist, da man mit Leuten in Kontakt bleibt und auch wenn man mal viel Stress Leuten zeigen kann, dass man an sie denkt :)

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