Wir unterbrechen den Social Media Hype mit einer Nachricht aus der Wahren Welt



Als ich jünger war, habe ich sehr oft über Themen wie Krieg und Ungerechtigkeiten in anderen Ländern nachgedacht. Natürlich lediglich durch den kindlichen Schwarz-Und-Weiß-Blick, aber dennoch war mir die Entschlüsselung dieser Probleme auf der Welt wichtig. Welches Kind hat nicht Angst in ein schreckliches und grausames Szenario aus den Geschichten zu geraten, die einem die Eltern ab einem bestimmten Alter erzählen, um uns vorsichtiger zu machen. Für mich war die Lösung einfach: "Stell dir vor es gibt Krieg und keiner geht hin". Genauso frustrierend allerdings die Tatsache, dass die anderen das einfach nicht umsetzen.

Als ich älter wurde, habe ich aufgehört so viel darüber nachzudenken. Andere Themen wie Klamotten, Sport und Jungs - zusammengefasst "das Image" - nahmen den größten Teil meiner Gedanken ein. Die Frage, wie man denn den Krieg oder andere Ungerechtigkeiten bekämpfen könne, erschien mir naiv und niedrig. Eine Frage, wie nur ein kleines Mädchen daran denken würde sie zu stellen und nach einer Antwort zu suchen ... es gebe unzählige kleine Faktoren, mit denen man sich beschäftigen müsse, denn alles sei so verworren.
Stimmt, aber gleichzeitig bietet diese Aussage auch eine hervorragende Ausrede, nicht? So konnte ich mich danach wieder auf meine eigene kleine rosarote Welt konzentrieren.

Vor rund 3 Jahren lernte ich die Welt der Neuen Medien kennen - Youtube, Blogs, Tumblr, Instagram, Twitter, Pinterest öffneten mir ihre Pforten und hießen mich willkommen. Besonders populär war damals (und ist es sogar heute noch!) die Beautysparte, von der ich selbst auch ganz eingenommen wurde. Im Nachhinein ist es schockierend, was für einen Einfluss sie auf mich hatte. Ein Jahr lang hing ich vor jedem Schminkvideo, was mir vor die Nase kam. Schullook, Get Ready With Me, Night Girls Out, No Make Up Make Up - glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ich diese Sparte besser kannte, als meine Jeanstasche... und dabei galt ich nicht mal als Expertin. So viel verschiedenes Make Up, wie damals habe ich noch nie gekauft. Alles musste vorhanden sein in meiner perfekten Make-Up-Sammlung: Vom Foundation Primer, über dem Augenbrauengel bis hin zu dem Kajalstift, der alles kann. Meiner Mama versuchte ich ihre jahrelange Lieblingsmascara auszureden, weil meine Lieblingsyoutuberin diese in ihren Juli Flops in die Kamera gehalten hatte. Mein Verhalten kam mir nicht seltsam vor, denn die Youtuberinnen lebten diesen Hype um Welten stärker als ich und die sind ja perfekt und hübsch und glücklich.

Heute sind Schminkvideos das Letzte, woran ich denke. Ab und zu schaue ich gern mal dabei zu, wie ein hervorragender Look gezaubert wird und auch ich selbst probiere gerne neue Produkte aus. Mein Problem ist nicht, dass sich Menschen gerne mit Beauty beschäftigen, denn das ist normal und gesund. Was mich schockiert ist die menschliche Fähigkeit ein so kleines Thema so breit zu fächern, so wichtig zu reden und kleinzuhacken, dass sich tausende Youtuber in tausenden Videos über das perfekte Verhältnis von Lippenstift- zu Lidschattenfarbe auslassen können, dann aber nur die Achseln zucken, wenn es um das Lösen von Internationalen, existenzbetreffenden Problemen geht. "Wir können nichts ändern, es ist zu weit weg! Alles ist zu stark in einander verwoben und die Recherche aufwendig - wenn man sich da genau mit beschäftigt hat man ja gar kein eigenes Leben mehr. "

Wieso haben wir die Zeit und die Motivation Kleinigkeiten, wie das Bronzersortiment von MAC, die Figur des Mädchens aus dem Bus oder die strikte Diät unserer Nachbarin, genau zu betrachten, zu analysieren und uns darüber eine Meinung zu bilden, aber nicht um uns darüber Gedanken zu machen, was in der Wahren Welt passiert. Was außerhalb der Seifenblase unseres rosaroten Instalebens vor sich geht, welches wir durch Shoppen, Diäten und einer großen Klappe weiter zu perfektionieren versuchen. Wieso nehmen sich mehr junge Mädchen und Frauen Candice Swanpoel als Marie Curie und Emma Watson zum Vorbild? Wieso wird Kim Kardashian auf ihrer Buchsignierung (ihr Buch heißt Selfish und ist ein Fotoalbum bestehend aus ihren Selfies) gefeiert und die harmlosen Aktivisten, die sie nur fragen, ob sie sich bewusst ist, dass für ihren Pelzmantel 50 Tiere gequält wurden, wie Verbrecher rausgeworfen und wie Verrückte belächelt werden? Seit wann wiegt eine täuschende, hübsche Verpackung mehr als die Botschaft und wieso blühen wir so auf in der Welt dieser künstlichen Nichtigkeiten?

Machen wir einen Cut und schaffen Platz für Botschaften aus dem echten Leben. Versuchen wir Gerechtigkeit und guten Umgang in unserem Umfeld herzustellen, die Menschen mit einem Lächeln zu begrüßen und sie sich in ihrer Haut gutfühlen zu lassen. Versuchen wir, weniger auf Kosten anderer zu leben und lasst uns verstehen, dass die Ungerechtigkeiten auf der Welt hier bei uns ausgelöst werden und sich langsam aber sicher rüberschleichen. Das Modell entspricht einem einfachen Ursache-Wirkung Modell. Leben wir mit aufrichtigen und tugendhaften Zielen, dann wird sich das auch im positiven auswirken. Langsam, aber sicher.

Es ist egal, worauf man sich konzentriert: Ob es sich um die CO² Probematik, das Tierleid der in der Massenproduktion, dem Hunger auf Erden, dem Mobbing in der eigenen Schule, dem falschen Body Image all eurer Freundinnen, den misshandelten Frauen in Syrien, den Flüchtlingen drei Straßen weiter oder den Weltfrieden handelt. Schaut in die Wahre Welt und beschäftigt euch damit - ich bin sicher, dass ihr dort mehr Material schöpfen könnt, als aus MACs neuem Herbstsortiment oder der Victoria Secret Show auf der letzten Fashion Week.
Kommentare on "Wir unterbrechen den Social Media Hype mit einer Nachricht aus der Wahren Welt"
  1. Ein sehr bewegender Text, ich habe ihn gern gelesen - und: Du hast absolut Recht. Schockierend fand ich, als ich eine 17-jährige Bekannte gefragt habe, warum sie keine Zeitung liest und als Antwort bekam "Interessiert mich nicht, ich höre Radio".

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  2. Du sprichst mir aus der Seele.
    Mir ging/geht das genauso. Mittlerweile gibt es so viele Dinge, die mich eher beschäftigen als die Meinung anderer Leute über mich oder ob das neue T-Shirt wirklich gut aussieht.
    Was ich schade finde, ist jedoch, dass ich mich damit manchmal ziemlich alleine fühle. Ganz oft habe ich das Gefühl, dass ich zu den wenigen Menschen gehöre, die sich überhaupt Gedanken darüber machen - den anderen ist es egal.
    Ich hoffe natürlich, dass das nicht der Fall ist, aber momentan kommt es mir so vor, als würde es immer weiter darauf hinauslaufen.

    Alles Liebe ♥

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  3. "es gebe unzählige kleine Faktoren, mit denen man sich beschäftigen müsse, denn alles sei so verworren.
    Stimmt, aber gleichzeitig bietet diese Aussage auch eine hervorragende Ausrede, nicht? So konnte ich mich danach wieder auf meine eigene kleine rosarote Welt konzentrieren." Gut gesagt! Traurigerweise benutzen nicht nur viele Jugendliche (die durch die vielen Umstellungen in ihrem Leben und den Umstand, dass sie noch nicht erwachsen sind, eventuell noch eine Ausrede für ihr Desinteresse hätten) diese Ausreden, sondern auch Erwachsene. So kann man sich natürlich immer leicht rausreden, wenn es darum geht, sich mit einer komplexen Problematik auseinanderzusetzen. Oder aber man vereinfacht alle Probleme einfach wie die "Bild" & Co, sodass die Leute sich schön eine einfache, ungerechte und uninformierte Meinung bilden können.

    Gegen meinen Willen musste ich bei der Sache mit der Lieblingsmascara irgendwie lachen. Das ist schon ein sehr extremes Beispiel. Aber naja, hatten wir nicht alle mal verrückte Phasen?
    Ich habe zwar nie auch nur ein Beauty-Video gesehen, hatte dafür aber viele andere Macken :D.

    Ehrlich gesagt bin ich noch nie auf die Idee gekommen, internationale politische Probleme und Beauty-Videos gedanklich zu verbinden, aber jetzt, wo du es sagst, klingt es wirklich erschreckend, dass Menschen sich so detailliert mit Lippenstiftfarben beschäftigen (und diese Beauty-Youtuber damit auch noch tausende Euro verdienen), es ihnen aber bei Politik zu kompliziert wird. Allerdings ist das traurigerweise auch logisch, denn Lippenstifte verursachen bei längerem Nachdenken kein schlechtes Gewissen (außer vielleicht gegenüber dem leeren Geldbeutel ^^) und rufen einem nicht ins Gedächtnis, dass es einem so viel besser geht als anderen Menschen und dass man an der Ungerechtigkeit in der Welt vieles ändern könnte.

    Einen ähnlichen Gedankengang hatte ich vor einer Weile mal in Bezug auf Wissenschaft. Es wird an so viel Quark geforscht, der nicht direkt jemandem hilft und teilweise noch nicht einmal Fragen beantwortet, die irgendjemanden wirklich interessieren, statt dass man mal mehr Energien in die Erforschung von Krebsheilmitteln oder alternative Energien steckt. Da habe ich jetzt aber leider grad kein konkretes Beispiel zur Hand.

    (Candice Swanpoel musste ich gerade erst googlen...)

    Wie auch immer, ich finde deinen Post wunderbar - wunderbar geschrieben und die Aussage ist ebenfalls sehr wichtig. Das sollten wir uns alle mehr zu Herzen nehmen.
    Danke fürs Schreiben :).

    LG,
    Charlie

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  4. Hey du sprichst auch mir echt aus der Seele! Ich habe auch schon ungefähr denn selben Weg hinter mir und dein Text drückt einfach aus, was ich mir in letzter Zeit sehr oft denke. 😊💕

    Und weil ich trotzdem immer noch ein hardcore Fangirl bin, muss ich sagen, dass ich überglücklich bin, dass du Emma Watson als gutes Idol genannt hasst 😂🙈

    Liebe Grüße
    Mein 💕

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