Gedankenbalett Großstadt


Ich bin ein Großstadtkind! Von Haarscheitel bis kleiner Zeh lebe und liebe ich das Leben in einer Großstadt und kann mich von ganzem Herzen damit identifizieren. Ständige Bewegung, das Wissen, dass ich zwar viele Orte, aber noch lange nicht alle kenne und die Tatsache, dass ich beim Spaziergang womöglich Bekannte treffen werde, aber umso mehr Unbekannte, macht mich einfach glücklich. Ich habe nicht vor aufs Land oder in eine kleine Dorfgegend zu ziehen. Nach dem Abi soll es in eine noch größere Stadt gehen, denn die Sache ist - ich kann nicht genug von dem Gefühl bekommen, dass man sich nicht satt sehen kann. Es passiert mehr, als man ein kleines Persönchen überhaupt erfassen kann.

Oft höre ich, dass Großstadt Einsamkeit bedeutet. Schließlich ist man eben nur ein Persönchen unter Hundertausenden von anderen kleinen Persönchen; nichts besonderes also. So kommt es, dass man an der Grenze der Anonymität durch die Straßen läuft. Man beachtet die anderen nicht wirklich und genauso wird man auch nur spärlich wahrgenommen. Kurt Tucholsky schreibt in "Augen in der Großstadt": "[Da] zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? vielleicht dein Lebensglück... vorbei, verweht, nie wieder." Auch wenn ich diese Anonymität zu lieben gelernt habe und es genieße flott durch die Stadt zu spazieren, mit einer To-Do-List im Kopf und meinem Casual Chic Outfit, schaffen diese Zeilen mich zu berühren. Man läuft sich entgegen, schaut sich an, durchdenkt alles, prägt sich einen ersten Eindruck ein, nur um ihn danach womöglich nie wieder hervorzukramen. Es ist unpersönlich; und, wenn man nicht bereits einen Kreis an unterstützenden Helfern und zuhörenden Freunden hat, zu denen man von der Aufruhr des Stadtlebens fliehen kann, dann ist das Phänomen Großstadt groß und überwältigend und einschüchternd. 

Dieser Gedanke erschlug mich an einem Mittwoch vor zwei Wochen, vielleicht war es auch der Donnerstag. Ich trug Skinny Jeans, ein weites bequemes T-Shirt, eine graue weiche Lederjacke und meine heißgeliebten Cut-Out-Boots und flog mit schnellem Schritt über die Straße. Angepeilt hatte ich das Schreibwarengeschäft, denn ich brauchte unbedingt Kugelschreiber und Markierung für die neue Schullektüre. Danach einen Kaffee, denn ich hatte an diesem Tag noch keinen. Der Ablauf meines Tages war fest durchgeplant. So wie man manchmal ist, verfiel ich beim Gehen in einen Tagtraum (natürlich wurde ich trotzdem nicht langsamer). Ich erinnerte mich an eine kürzlich geschehene Situation und konnte nicht anders als zu Lächeln - richtig breit, sogar mit Zähnen! 

Womöglich sah das mehr als nur debil und dümmlich aus, aber es war ein Tagtraum, ich war in meinen Selbstbild gefangen und dachte gar nicht darüber nach, wie mich grade andere sahen. "Bist glücklich, was?", hörte ich plötzlich eine laute Stimme, direkt neben mir. Völlig perplex drehte ich zu allen Seiten um und erkannte einen Mann vielleicht 30-40 Jahre alt, der mich beim Vorbeilaufen anlächelte. Egal, wie seltsam die Situation auch war - ich lächelte einfach nur zurück und lief weiter. In dem Moment war ich beschämt und überglücklich zugleich. Diesen Menschen werde ich nie wieder sehen, denn schließlich lebe ich in einer Großstadt. Eines ist aber sicher: Anonym oder nicht einzigartig habe ich mich in diesem Moment definitiv nicht gefühlt. 
Tatsache ist: Nicht die Großstadt ist die Großstadt, wir sind die Großstadt. Wir haben es in der Hand, wie wir Großstadtkinder miteinander umgehen und ob wir uns isoliert und einsam durch die Straßen bewegen oder einem Unbekannten ab und zu mal ein Lächeln schenken, eine Tür aufhalten oder mit ihm einen Regenschirm teilen.

Was denkt ihr darüber? Seid ihr auch Großstadtkind? 
Wo wünscht ihr euch in Zukunft zu leben?
Kommentare on "Gedankenbalett Großstadt"
  1. Hey Ana,
    allein bei dem Titel weiß ich, dass ich dazu gehöre.
    Ich bin, genauso wie Du, durch und durch ein Großstadtkind. Jeden Abend lasse ich die Fenster auf um die Straße zu hören, da ich so viel schneller einschlafe. Ein bisschen krank, aber wahr.

    Die Anonymität kann für manche Leute, denke ich, einschüchternd wirken, aber ich liebe es vom Strom mitgerissen zu werden und gleichzeitig Teil einer Masse, aber auch einzigartig zu sein. Vielleicht weißt Du was ich meine (✿◠‿◠)

    Nach dem Abi habe ich vor, zurück nach Berlin oder nach London zu ziehen.
    Die Städte sind für mich jetzt schon wie eine zweite Heimat und ich kann es gar nicht erwarten, mir eine Studibude zu suchen.

    Noch einen schönen Abend und ganz liebe Grüße,
    Jo

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wieso denn krank? Ich mag komplette Stille auch nicht :D
      Ja, ich weiß genau was du meinst. Ich fühle mich auch nie uneinzigartig - sondern immer als etwas besonderes unter Besonderem.
      Oh, das klingt nach meinem Plan :D Studentenleben in einer Großstadt? Kann es kaum erwarten! :D

      Löschen
  2. Hallo Ana

    Leider kann ich von mir nicht behaupten, ein Grossstadtkind zu sein. Leider, leider, leider. Ich bin in den paar Jährchen, die ich jetzt schon auf diesem Planten wandle, einige Male umgezogen, aber immer nur von einem Kaff ins nächste. Das macht mich ziemlich traurig.

    In den letzten Herbstferien war ich mit meiner Familie für eine Woche in Berlin. Diese Stadt hat mich mit seinen Gerüchen, Geräuschen, Farben und den vielen Fremden umgehauen und begeistert. Ich habe mich in Berlin verliebt. Nein, nicht in Berlin, sondern in die Anonymität und die Möglichkeiten einer Grossstadt.

    Wenn ich in die nächste Stadt fahre, habe ich keinen weiten Weg, sondern bin nur 10 Minuten unterwegs. Allerdings hat diese "Stadt" gerade mal 35000 Einwohner und ich kann mir sicher sein, wenn es Samstag ist, treffe ich meine halbe Klasse. Ausserdem gibt es da nicht viel. Natürlich die ganzen 0815 Läden wie H&M usw., aber das ist ja nix besonderes. In Berlin, so hatte ich das Gefühl, hat man an jeder Ecke einen neuen, tollen Laden mit inspirierenden Menschen getroffen.

    Als ich aus Berlin zurück war, habe ich erst gemerkt, wie sehr mir die Grossstadt fehlt. Der Gedanke, dass ich die nächsten Jahre noch hier leben werde, macht mich krank. Mein grösster Wunsch ist es, in die Grossstadt zu ziehen und dort zu studieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob das Berlin ist, hauptsache gross.

    Tut mir leid für dieses Chaos, aber ich habe gerade meinen Gedanken freien Lauf gelassen.
    Liebst ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Emma, danke für deinen süßen Monster-Kommentar! :)
      Das mit den Läden kenne ich, wobei ich schon glaube, dass man immer das haben will, was man nicht hat. Ich hasse es auch bei mir in der Stadt shoppen zu gehen; für Besucher ist es allerdings ein Traum. Ich glaube beim Shoppen findet man Läden, in die man nicht jeden Tag spazieren kann, eh besser. :D

      Ach sieh es mal so: Du hast etwas worauf du dich richtig freuen kannst - Abi machen und dann Ab in das Großstadtleben. Meine erste Wahl wäre nicht Berlin, viel zu teuer! Ich hoffe, du gestaltest deine Zukunft wie du es dir wünscht - lass mir doch gerne öfter einen Kommentar da, hab mich grade richtig gefreut!!!! :)

      Löschen
  3. Durch und durch ein Dorfkind :D Und ich liebe meine Kindheit, ich möchte meinen Kindern auf jeden Fall dasselbe ermöglichen. Aber ich möchte zu 100% irgendwann auch mal in einer Großstadt leben, einfach mal um zu wissen, wie das so ist. Ich stells mir ziemlich cool vor, ich mag es einfach schnell überall hinkommen zu können. Irgendwann wenn ich jung bin und noch keine Verpflichtungen habe, einfach mal irgendwohin ziehen und dadurch eine neue Welt kennenlernen. Das Leben in der Stadt stell ich mir einfach vielfältiger und spannender vor, aber wenn ich dann alt genug bin will ich auch auf jeden Fall wieder zurück aufs Land, dafür liebe ich es glaube ich zu sehr :D

    AntwortenLöschen