Rezension: "Silber: Das erste Buch der Träume" von Kerstin Gier


Geheimnisvolle Türen mit Eidechsenknäufen, sprechende Steinfiguren und ein wildgewordenes Kindermädchen mit einem Beil ... Liv Silbers Träume sind in der letzten Zeit ziemlich unheimlich. Besonders einer von ihnen beschäftigt sie sehr. In diesem Traum war sie auf einem Friedhof, bei Nacht, und hat vier Jungs bei einem düsteren magischen Ritual beobachtet. Zumindest die Jungs stellen aber eine ganz reale Verbindung zu Livs Leben dar, denn Grayson und seine drei besten Freunde gibt es wirklich. Seit kurzem geht Liv auf dieselbe Schule wie die vier. Eigentlich sind sie ganz nett. Wirklich unheimlich - noch viel unheimlicher als jeder Friedhof bei Nacht - ist jedoch, dass die Jungs Dinge über sie wissen, die sie tagsüber nie preisgegeben hat - wohl aber im Traum. Kann das wirklich sein? Wie sie das hinbekommen ist ihr absolut rätselhaft, aber einem guten Rätsel konnte Liv noch nie widerstehen.

Ob man es zugeben will oder nicht: Über Träume und deren Bedeutung hat schon jeder einmal gegrübelt und sich Gedanken darum gemacht, ob die Abenteuer, die man beim Schlafen erlebt auch irgendeinen Bezug zum wahren Leben haben. Vielleicht wird die "Traumdeutung" eher belächelt, als für die Wissenschaft in Erwägung bezogen, aber genug Stoff für traumhafte Geschichten bietet sie allemal. Das hat sich wohl auch Bestsellerautorin der "Edelstein-Trilogie" Kerstin Gier gedacht und prompt das "Erste Buch der Träume" aufs Papier gebracht, indem Highschoolneuling Liv Silber in ihren Träumen mit viel mehr Realität konfrontiert wird, als ihr womöglich lieb ist.

Als die zweite Jugendbuch-Reihe von Gier sind natürlich auch Parallelen zu "Rubinrot" zu erwarten, was hier mehr Segen als Fluch ist, denn im Prinzip sind es die kleinen Dinge im Leseleben, die die Leserherzen höher schlagen. Angefangen bei Liv Silber, die aus einer mehr als nur eigenartigen Familie stammt. Zwar besitzt bei ihr in der Familie niemand ein Zeitreisegen, aber dennoch steht das Reisen an erster Stelle - innerhalb der letzten 9 Jahre hat sie stolze sieben Mal das Land gewechselt und zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Mia und dem bayerischen Kindermädchen (auch so eine Sache die wahrscheinlich nur Deutsche wirklich verstehen) der Karriereweltreise ihrer Mutter folgt. Livs stinknormaler und schlagkräftiger Teenagercharm sticht angenehm aus dem familiären Chaos hervor, was unglaublich viel Abwechslung und frischen Wind bietet. So sind sowohl Gedankenwelt als auch Dialoge amüsant und humorvoll wie eh und je. Bei Gier sind es ja bekanntlich die Alltagsgags im Unalltag, die die Stimmung machen.

Angekommen in einer Londoner Privatschule geht das wundervolle Gier'sche Desaster weiter, denn die Highschool hält in "Silber" dreimal so viele Klischees bereit, als das wahre Leben. Ihr glaubt mir nicht? Nunja, die "It-Clique" besteht aus fünf stinkreichen, super gut aussehenden und allesamt blonden Typen, die Liv für unglaublich heiß halten. Einer von ihnen entpuppt sich sogar als der Held ihrer Träume (wortwörtlich) und alles was an der Highschool so vor sich geht, wird von einem genialen Möchtegern-"Gossip Girl" dokumentiert. Selbst mir als Vertreterin der "Pro-Klischee-Fraktion" war das schon zu viel des Guten. Dementsprechend konnte mich auch die Liebesgeschichte (mit wem verrat ich nicht) nicht richtig reizen. Dafür kratzt sie zu sehr an der Oberfläche.

Was den waschechten Plot betrifft, so trifft bei "Silber" Highschool-Trash auf Easy-Going-Fantasy. Die Atmosphäre ist zu seicht für die Ernsthaftigkeit fantastischer Geschichten, dennoch sind die Geschehnisse im Flur der Träume alles andere als realistisch. Wie dem auch sei: Im Gesamtpaket bekommt diese Mischung dem neuen Jugendbuch von Kerstin Gier ziemlich gut und auch an Spannung fehlt es nicht, was die Tatsache erklärt, dass ich die rund 400 Seiten in zwei traumlosen Nächten überwunden habe. Dennoch hege ich den Verdacht, dass die Autorin sich in ihrem Schreibplan den roten Faden nicht dick genug markiert hat. Heißt: Ich habe keine Ahnung, was da die letzten Seiten so vor sich vor ging.

Fantastische Spaziergänge durch Wolkenflure, ein paar Highschool Intrigen und Privatschülertratsch, gepaart mit kleinen Familiendramen und einer Tonne Humor, machen das erste Buch der Träume tatsächlich zu einem traumhaften Lesespaß. Vom Klischee-Lipgloss wurde zugegebenermaßen zu dick aufgetragen und der Showdown ging viel zu schnell über die Bühne, als das der Leser seine Gedanken in eine Reihenfolge bekommen hätte... Dennoch: Ein Roman, den man verschlingt, der Spaß macht und definitiv auch zum Träumen anregt.

 Kerstin Gier, Jahrgang 1966, hat als mehr oder weniger arbeitslose Diplompädagogin 1995 ihr erstes Buch veröffentlicht. Mit riesigem Erfolg: Ihre Romane wie die »Müttermafia« oder »Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner« sind längst Kult und auf allen Bestenlisten zu finden, genauso wie »Rubinrot«, »Saphirblau« und »Smaragdgrün«, die auch international zu Bestsellern wurden. Im März 2013 kam mit »Rubinrot« bereits die zweite Verfilmung eines ihrer Bücher mit Starbesetzung in die Kinos. »Silber« ist ihre neue phantastische Trilogie. Die Autorin lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in der Nähe von Köln.
Kommentare on "Rezension: "Silber: Das erste Buch der Träume" von Kerstin Gier"
  1. Total super :) Ich hab es mir gerade als Hörbuch geholt und bin jetzt noch gespannter! Ich lese deinen Blog erst seit kurzem, aber ich mag ihn sehr gerne und hab dich deshalb für den Liebster Award nominiert, vielleicht hast du ja Lust mitzumachen :) Weiter so! Liebe Grüße! Anni
    www.rotkopfchen.blogspot.de/2015/01/liebster-award.html

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  2. Die Klischees waren wirklich nicht zu übersehen, aber wie du sagst, trotzdem ist es sehr schön gewesen, was typisch Kerstin Gier'sches zu lesen =D Ich hoffe ja darauf, dass diese Beziehung mit *hust Henry hust* nix wird, und sie dafür mit ihrem *hust "Stiefbruder" Greyson hust* zusammenkommt, hab da irgendwie mehr Chemie zwischen den beiden gespürt als zwischen den andren zwei....ging dir das auch so, oder hab ich mir des eingebildet (ist natürlich auch möglich =D)?
    ♥ Ley

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    1. Sorry, irgendwie sind alle meine Kommentare heute doppelt aufgetaucht o.O

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  4. Ich mochte die Edelstein - Trilogie von Kerstin Gier ja total gerne und möchte auch "Silber" total gerne lesen. Für zwischendurch ist das Buch bestimmt richtig schön :D Hab nämlich schon öfters gehört, dass es etwas klischeehafter und seichter sein sollen als ihre erste Trilogie.

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