Rezension: "Die Stunde der Lilie" von Sandra Regnier

 Es sollte ein gewöhnlicher Ausritt nach einem anstrengenden Schultag werden. Niemals hätte sich die sechzehnjährige Julia träumen lassen, dass es sie an der mit Lilien gesäumten Weggabelung aus dem Deutschland der Gegenwart ins Frankreich des 17. Jahrhunderts verschlagen würde. Und das ohne eine Möglichkeit der Rückkehr. Von einem Tag auf den anderen muss sich Julia den Sitten des Versailler Königshofes anpassen und zu allem Übel auch noch Französisch lernen. Glücklicherweise bekommt sie jedoch einen einflussreichen Vormund an die Seite gestellt: Etienne Flémont, den Grafen von Montsauvan. Ein Mann, der ihr Schicksal noch weitreich beeinflussen soll …

Julia ist ein ziemlicher Freund von Geschichte - Daten sind bei ihr sofort im Kopf verankert und auch die ganzen Ereignisse können sie fesseln. Dennoch hält sich ihre Begeisterung in Grenzen als sie während eines Ausrittes plötzlich im Frankreich des 17. Jahrhunderts landet. Zudem wird sie dann mit dreckigen Reithosen und schlichter Frisur von Ludwig XIV. persönlich aufgegabelt und nach Versailles gebracht. Julia kann von Glück reden, dass sie dem König gefällt und den angesehenen Etienne de Montsauvan als Lehrer bekommt. Bevor Julia sich auch nur einigermaßen mit ihrer Situation zurechtfinden kann, wird sie schon in die Etikette der absolutistischen Gesellschaft eingeführt, lernt Französich (was noch nie ihre Stärke war) und zu reiten wie eine richtige Madame. Doch hinter dem Prunk und Schein des Versailler Hofes, verbirgt sich auch eine ganz anderer Seite voller List, Intrigen und Konkurrenzansprüchen - und wie es kommen muss hat diese Seite es auf Julia abgesehen.

Ein deutsches Buch, juhu! Immer seltener trifft man heutzutage auf Werke deutscher Autoren und wenn dann müssen sie auch schon einiges hergeben, denn viele bevorzugen die Geschichten aus Amerikanischen oder Britischen Federn. Zu Unrecht (!) ist das, was ich zu diesem Trend sagen kann und glücklicherweise ist "Die Stunde der Lilie" ein gutes Beispiel dafür, dass sich unter den Deutschen Autoren auch Glücksgriffe befinden.

Dennoch gestaltet sich der Einstieg in das Buch als sehr schleppend und kantig. Der Schreibstil verfügt über eine Starrheit, die jeden Dialog zwischen Jugendlichen unauthentisch wirken lässt und mir das Gefühl gab, dass Regnier nicht ganz darüber Bescheid weiß, wie die Jugendlichen von heute sprechen. Lange Rede, kurzer Sinn: In meinem Kopf legte ich diesen Roman in die Schublade mit der Aufschrift "Out". Zum Glück lag "Die Stunde der Lilie" nicht lange dort, denn mit Julias Ankunft in Versailles erlebt die Atmosphäre eine 180°-Wendung. Der Plot gewinnt an Schwung und wie gefesselt klebte ich vor meinem E-Reader.

Allen voran hat es das dem Setting zu verdanken. Für alle, die in Geschichte etwas mit dem Absolutismus und der Französischen Revolution anfangen konnten, ist dieses Jugendbuch ein Treffer ins Schwarze. Das Hofleben, die Gewohnheiten und die befremdliche Tatsache, dass der König wirklich und tatsächlich machen kann, was er will, lockten mich schon bald ganz in den Flair des 17. Jahrhunderts. Vor allem Regniers Interpretation von realen historischen Figuren ist unglaublich interessant und unterhaltsam - so weckt sie Ludwig XIV. und dessen Familie, die bisher nur durch Fakten bekannt waren, zum Leben und lässt einen nicht vergessen, dass die Ereignisse in Geschichtsbüchern nicht erfunden sind.

Was die Charaktere angeht, so ist Julia da der Einzige Makel. Leider ist sie eine ziemlich langweilige und nichtssagende Persönlichkeit, die nur deshalb auffällt, weil sie für diese Zeit ein freches Mundwerk hat. Die Sympathie ihr gegenüber wird in Folge dessen nur von dem Setting und Plot ein bisschen aufgefangen, ansonsten sehe ich da recht wenig Identifikations- oder Bewunderungspotential
Die Nebencharaktere können neben ihr dafür richtig aufblühen - so auch Etienne de Montsauvan, der die ganzen 357 Seiten über ein Rätsel bleibt. Die Beziehung der beiden bis über die Hälfte genauso, denn hier wird nicht nach Schema X konstruiert, sodass ich nur am Spekulieren war, ob und was sich da zwischen den beiden anbahnt. Im Endeffekt hab ich mit dem tatsächlichen Ausgang nicht gerechtet.

Auch wenn ich mit "Die Stunde der Lilie" gerne meine Lesestunden verbracht habe und ich es vor Faszination und Spannung nicht aus der Hand legen wollte, kann ich den Aufbau nicht ganz erschließen. Irgendwie geht alles in einem chaotischen Wirrwarr unter. Ohne wirklichen Spannungsbogen ist es lediglich eine Aufreihung von Ereignissen, die ganz klar riesigen Spaß machen, aber irgendwie keinem roten Faden folgen. Schlüsselereignisse, oder deren Reihenfolge kann ich so nicht bennenen, weshalb ich bezweifle das "Die Stunde der Lilie" mir noch lange in Erinnerung bleiben wird. 

 Wenn euch Geschichte interessiert und ihr die Intrigen und den Glanz des Hoflebens mal von näher - aber Stopp! nicht so nah wie in Historischen Romanen - erleben wollt, dann ist "Die Stunder der Lilie" ganz bestimmt ein Jugendbuch, was ich euch weiterempfehlen kann. Die Atmosphäre des 17. Jahrhunderts in Versailles, sowie Paris, ist zum Greifen nahe und sorgt für schöne Lesestunden. Und auch die Figurenkonstellation entpuppt sich hier nach ein bisschen Rätselei als etwas Besonderes.
Leider fehlt oftmals der Rote Faden, der Spannungsbogen macht Urlaub und auch Julia schafft es nicht mich vom Hocker zu hauen. Dennoch ein Roman, den man nach ein paar Einstiegsschwierigkeiten sehr sehr gerne liest.

Sandra Regnier ist in der Vulkaneifel geboren und aufgewachsen. Nach der Schule und einer Ausbildung zur Beamtin wollte sie lange nach Frankreich. Stattdessen heiratete sie einen Mann mit französischem Nachnamen und blieb zu Hause. Heute ist Sandra Regnier selbstständig und versteht es, den schönen Dingen des Lebens den richtigen Rahmen zu geben. Das umfasst sowohl alles, was man an die Wand hängen kann, als auch die Geschichten, die ihrer Fantasie entspringen. [via Carlsen]. Neben "Der Stunde der Lilie" hat Sandra Regnier auch die "Pan-Trilogie" (bei Carlsen) und "Schauspieler küssen anders" (bei Drachenmond" geschrieben. Auch auf ihrem Twitteraccount ist sie eifrig am Tipseln.

Be First to Post Comment !
Kommentar veröffentlichen