[REZENSION] Vergiss den Sommer nicht


 Ein letzter Sommer, der ewig währen sollte ...
Immer wenn es brenzlig wird, hat Taylor genau eine Lösung: Sie rennt weg. Doch jetzt ist es die Zeit, die ihr davonläuft. Ihr Vater hat nur noch wenige Wochen zu leben und einen Wunsch: Diesen letzten gemeinsamen Sommer soll die Familie in Lake Phoenix verbringen - so wie früher. Taylor liebt den funkelnden See mit seinen duftenden Wäldern, den Abenden am Strand ... doch vor 5 Jahren, hat sie dort nicht nur ihre beste Freundin, sondern auch ihre erste Liebe enttäuscht. Nun versucht Taylor, all das wiedergutzumachen - und diesen Sommer festzuhalten, die letzten Tage mit ihrem Dad, die unwiederbringlich schwinden ...



 Vorsichtig öffnete ich meine Zimmertür und spähte hinaus in den Flur. Da die Luft rein war, schnappte ich meine Tasche und schloss die Tür ganz leise hinter mir. Dann schlich ich - immer zwei Stufen auf einmal - die Treppe zur Küche runter. Es war neun Uhr morgens. In drei Stunden wollten wir zu unserem Haus am See aufbrechen, aber ich machte mich lieber aus dem Staub.

Nach fünf Jahren machen Taylor und ihre Familie wieder Urlaub in Pennsylvania ? wo, sie bis zu Taylors zwölftem Lebensjahr fast jeden Sommer verbrachten. Doch der Grund ist herzzerreißend, denn Taylors Vater hat Krebs, der schon so weit vorangeschritten ist, dass er ihn zu 100% umbringen wird. Natürlich willigt Taylor dem letzten Wunsch ihres Vaters ein, auch wenn sie überhaupt nichtmal an den Urlaubsort zurückdenken will. Dort hat sie ihre beste Freundin Lucy und ihre erste Liebe Henry gleichermaßen enttäuscht und ist darauf einfach abgehauen. So wie sie es immer macht. Doch diesen Sommer muss sie sich zusammenreißen, lernen den Konflikt zu händeln und sich von ihrem Vater verabschieden.
Ruhig und bedacht findet Morgan Matson immer genau die richtigen Worte für Taylors Situation, Leben und Gefühle. Während der Stil am Anfang noch recht kühl und distanziert ist, entwickelt er sich zu einer sehr lesernahen Stimme, die ich nach dem Beenden des Romans vermisst habe. Es ist alles genau durchdacht, denn Taylor macht die gleiche Entwicklung durch: Vom abweisenden, davonlaufenden Mädchen zur sympathischen, starken jungen Frau.


"Vergiss den Sommer nicht" ist eine Sommerlektüre, die man aber nicht einfach so dahinlesen sollte, sondern am besten an einem kühlen Sommerabend, wenn es beginnt dunkel zu werden und man endlich die wunderschöne Ruhe findet, die im lauten und energischen Sommer sonst fehlt. Sie hat etwas von einem Spätsommer, der bittersüß ist und eigentlich die schönste Zeit im Sommer, gleichzeitig aber auch die Zeit, die schon langsam den Herbst ankündigt und man sich so damit abfinden muss, dass der Höhepunkt des Jahres bald vorbei sein wird. Auch Taylor erlebt in diesem Sommer die gleichzeitig schönste und schlechteste Zeit ihres Lebens. Mag sein, dass es schwer vorstellbar ist, aber Morgan Madson gibt diesen Worten mit ihrem Roman eine Bedeutung. 

Und so ist für mich schwer zu sagen, ob es ein Buch ist, welches glücklich macht oder eines, welches traurig macht, denn ich habe beides gleichermaßen gefühlt und dieses Buch -das sollte man auf jeden Fall wissen, bevor man sich an "Vergiss den Sommer nicht" traut- lässt kein Auge trocken. Die 480 Seiten sind eine Reise, begleitet von Liebe und Freundschaft, die mich so sehr berührt hat, wie nur wenige Jugendbücher es schaffen. Die Liebe wird bei Morgan Madson nämlich realistisch und erschreckend echt beschrieben: Kein "Wir werden für immer zusammen sein", sondern Höhen und Tiefen und die dünne Linie zwischen dem Mut und der Angst. Dazu kommt die Liebe zwischen Taylor und ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrer Geschwister. Warum wird diese Art von Liebe nur so selten in Jugendbüchern besprochen? Denn sie ist unglaublich aussagekräftig. 

Zu beobachten wie Taylors Familie, die ja eigentlich keine "Kuschelfamilie" (wie sie es nennt) ist, so zusammenhält, offener wird und sich die wichtigen Worte sagt, bevor es zu spät ist, ist ein fantastisches Leseerlebnis und so intensiv, da es einerseits jeder selbst nachvollziehen kann, Morgan Madson aber andererseits die detailierte Wortwahl findet und die Geschichte langsam angeht, sodass die Charaktere echt werden und keine zweidimensionalen Strichmännchen bleiben. Zusammen mit Taylor geht man auf die Suche nach dem wirklichen Charakter ihrer Familie, den Antworten auf sinnlose Fragen und erkennt, was es denn wirklich bedeutet jemanden zu kennen. 

Zu betonen ist natürlich auch, dass es zwar ein "Krebsbuch" ist, der Krebs aber in der Kernaussage gar keine so wichtige Rolle einnimmt. Wie gehen Menschen mit so einer Situation um, wie entwickeln Menschen sich weiter, sobald sie dabei sind einen Verlust zu erleben? Schließlich versteckt die Autorin auch die Motivation weiterzumachen und seine Chancen zu nutzen in ihrem Roman, der in der Originalfassung auch passend "Second Chance Summer" heißt. Ich bin berührt und gleichzeitig auch sprachlos begeistert von der Vielseitigkeit und Tiefe dieses Werkes.

Taylors Sommer werde ich definitiv nicht vergessen, denn so eine schöne und gleichzeitig traurige Geschichte hatte ich nur selten in den Händen. Ein detailierter Schreibstil, eine vielseitige Protagonistin und eine riesige Portion Liebe und Verlust, sind Dinge, mit denen dieser Roman das Herz jedes Lesers berührt und komplett für sich einnimmt. Nicht mal eine Kleinigkeit habe ich hier auszusetzen, es ist schlichtweg komplett und genau richtig, so wie es ist. Vorallem aber, ist es nicht ausschließlich ein Sommerbuch und ist das komplette Jahr über lesenswert!


Morgan Matson studierte Schreiben für junge Leser an der New School. Road-Trips quer durchs Land sind ihre große Leidenschaft und sie hat schon drei Mal die USA durchreist ... bis jetzt. Derzeit lebt die Autorin in Los Angeles. [via lovelybooks] Ihr Debütroman heißt "Amy on the Summerroad" und erschien April 2012 bei cbj.
Kommentare on "[REZENSION] Vergiss den Sommer nicht"
  1. Howdie!
    Hast du velleicht Lust an meiner 2. Lesenacht teilzunehmen? Würde mich freuen! :)
    -> Fantasy-Lesenacht die Zweite - 'Lesen bis Untote aus Gräbern steigen'

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  2. Hallo!
    Ich habe gerade deinen Blog entdeckt und folge dir jetzt. Dein Blog ist wunderschön und ich bin gespannt auf deine Posts und einfach alles! ;)

    Liebst, Emma <33

    PS: OMG! Dein Header! :))

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