[NEWS] Josephine Angelinis Short Story oder: Ein kleiner Einblick in Daphnes Vergangenheit

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Hallo Leute! Da ich immer noch im Göttlich-Wahn bin und es schrecklich finde, dass die Reihe jetzt beendet ist, bin ich umso erstaunter, dass Josephine Angelini noch eine Kurzgeschichte aus Daphnes Sicht aus Daphnes Teenagerzeit gepostet hat. Auf der offiziellen deutschen Fanseite findet ihr diese zwar kurze, aber schöne Geschichte sogar schon auf Deutsch übersetzt. Mir hat es definitiv gefallen, auch wenn sie zu schnell vorbei war. Ich hoffe, dass die Autorin sich vielleicht doch dazu entschließt eine etwas längere Kurzgeschichte zu schreiben, wie z.B. Stephanie Meyer, Veronica Roth oder Sophie Jordan. Lest euch die Geschichte auf jeden Fall einmal durch:

Josephine Angelini hat eine Short Story über Daphne verfasst. Wir wünschen dir viel Spaß beim Lesen! 

Ich habe erste Schultage immer gehasst. Noch schlimmer sind erste Schultage in einer neuen Stadt. Es wäre einfacher gewesen, wenn wir nicht so oft umgezogen wären. Wenn ich längere Zeit auf dieselbe Schule hätte gehen können, hätten sich die anderen vielleicht an mein Aussehen gewöhnt und mich eventuell sogar irgendwann akzeptiert. Aber ich schätze, das spielt jetzt keine Rolle mehr. Es ist mein letztes Jahr in der Oberstufe. Ich muss nur noch bis zu meinem Abschluss durchhalten.
Manhattan ist mit Massachusetts nicht zu vergleichen. Natürlich falle ich auch hier auf, aber längst nicht so wie in Wellesley oder davor in Duxbury oder in den vielen anderen Orten, in denen wir im Laufe der Jahre gelebt haben. Das ist von Vorteil.
Seit wir vor zwei Wochen hergezogen sind, bin ich mit verschiedenen Gesichtern durch die Stadt gelaufen – Gesichter, die unauffälliger sind als meins und die keine Probleme machen. So konnte ich die Stadt erkunden, ohne aufzufallen.
Ich liebe New York, auch wenn es einer der gefährlichsten Orte für mich ist. Ich habe Spuren eines Graffitisprayers entdeckt, der sich an ein paar richtig teuren Häusern ausgetobt hat. Seine Bilder sind einzigartig. Irgendwie besonders. Fast schon Kunstwerke, und es kommt mir so vor, als wären sie extra für mich geschaffen worden. Es ist albern, ich weiß, aber irgendwie faszinieren sie mich. Jedes Mal, wenn ich losgezogen bin, um nach neuen Graffiti zu suchen, habe ich mein Aussehen verändert, aber ich kann unmöglich mit einem falschen Gesicht zur Schule gehen. Mein normalsterblicher Vater hat keine Ahnung, und er würde ausflippen, wenn im High-School-Jahrbuch das Gesicht einer Fremden über meinem Namen auftauchte.
Ich muss heute und auch an jedem anderen Tag mit meinem Gesicht zur Schule gehen. Mit dem Gesicht.
Mit der Hand am Türgriff beobachte ich beklommen, wie die anderen Kids in die exklusive Privatschule gegenüber vom Central Park strömen. Einen Moment lang verharre ich so, will die Tür nicht aufmachen und wünsche mir sehnlich, dass diesmal alles anders wird. Wünsche mir, diesmal wenigstens einen Freund zu finden.
Der Fahrer mustert mich besorgt im Rückspiegel, und ich stoße die Tür unserer schwarzen Limousine auf, bevor er wegen meiner Verspätung Ärger mit meinem Vater bekommt. Während ich über die Straße renne, schaue ich an mir herunter auf die Bluse, den blaugrünen Kilt, die weiße Strumpfhose und die rotbraunen Halbschuhe. Ich fürchte, dass die Bluse nicht weit genug und der Kilt nicht lang genug sind, um meine Figur zu verbergen. Ich lasse die Schultern hängen und setze ein mürrisches Gesicht auf.
Sieh niemandem in die Augen, ermahne ich mich. Und lächle bloß keinen von den Jungs an.
Ich dränge mich durch den überfüllten Schulflur und spüre die Blicke auf mir. Erst sehen sie nur kurz hin, dann beginnen sie zu starren und suchen nach irgendetwas an mir, das nicht perfekt ist. Ich glaube, die meisten starren mich nur an, weil sie es nicht glauben können. Sie fixieren mich, weil sie sich vergewissern wollen, dass ich wirklich so makellos bin, wie ich auf den ersten Blick wirke, und sobald sie begreifen, dass es tatsächlich so ist, können sie nicht mehr wegsehen.
Es sind immer die Leute, die nicht genügend Selbstbewusstsein haben, die oberflächlichen und konsumorientierten Typen, die nicht aufhören zu glotzen. Sie verfolgen mich und himmeln mich an wie eine Sache, die sie unbedingt besitzen müssen. Und an den Schulen, auf die mein Dad mich schickt, herrscht nicht unbedingt ein Mangel an oberflächlichen Kids. Ich habe ihn oft genug gebeten, mich auf eine öffentliche Schule gehen zu lassen, aber er hat es immer abgelehnt. Was würden seine überaus wichtigen Partner denken, wenn ich mich unter die Sprösslinge der schuftenden Mittelklasse mische? Wahrscheinlich würden sie dann nie wieder eines dieser Luxusgebäude mit ihm entwerfen.
Ich versuche, mich auf den Lageplan zu konzentrieren, den ich zusammen mit meinem Einführungspaket bekommen habe. Die lauten Unterhaltungen der anderen Schüler verstummen, sobald ich vorbeigehe, und ihr Geflüster brandet hinter meinem Rücken auf wie eine Welle am Strand. Ich will sie ignorieren und folge den Schließfachnummern auf der rechten Gangseite.
Natürlich steht vor meinem Schließfach ein Trupp lärmender Jungs. Eindeutig Sportler, denen das Testosteron schon zu den Ohren herauskommt. Ich spüre ein Kribbeln statischer Elektrizität in den Fingerspitzen und unterdrücke hastig meinen Kämpf-oder-flieh-Impuls. Schon am ersten Schultag jemandem auf dem Flur einen tödlichen Stromschlag zu versetzen, ist das Letzte, was ich brauchen kann. Wie sollte ich das auch erklären? Ich will bereits kehrtmachen und mich verdrücken, als die Jungs mich entdecken.
„Ist das deins?“, fragt ein großer Typ mit sandfarbenen Haaren. Er tritt einen Schritt zurück und deutet auf das Schließfach.
Ich nicke, setze eine noch mürrischere Miene auf und lasse den Kopf noch etwas tiefer hängen. Hastig dränge ich mich zwischen dem großen Jungen und einem kleinen dicken mit dunklen Haaren durch. Als ein weiterer dazukommt, bin ich umzingelt.
„Du bist neu hier“, sagt der mit den sandfarbenen Haaren selbstbewusst. Mir ist schon jetzt klar, dass er der Anführer ist und sein Revier markiert. So einen wie ihn gibt es an jeder Schule. „Wie heißt du?“
„Daphne“, antworte ich und fummele an dem Zahlenschloss herum. Meine Hände zittern.
„Ich bin Flynn“, sagt er und seine Stimme ist plötzlich viel leiser. Er kommt immer näher – allerdings bezweifle ich, dass es ihm bewusst ist. Ich denke, keiner der drei hat mitbekommen, dass sie mich einkesseln. Sie werden jetzt nur noch von ihren Instinkten geleitet.
Die Bedrohung lässt meine Blitze unter der Haut zucken. Ich zwinge mich zur Ruhe und sage mir, dass sie nichts dagegen tun können. Sie wollen mein Gesicht sehen – müssen es sehen –, und deshalb kommen sie immer näher. Vielleicht sollte ich diesmal eine andere Taktik ausprobieren. Wenn ich zulasse, dass sie mich ansehen, haben sie, was sie wollen, und verziehen sich. Also streiche ich mir mit dem kleinen Finger die Haare hinters Ohr, richte mich zu meiner vollen Größe von eins achtundsechzig auf und sehe Flynn direkt ins Gesicht. Seine grauen Augen werden glasig. Er schwankt auf mich zu und will nach mir greifen. Seine Selbstbeherrschung hat sich in nichts aufgelöst. Keine gute Idee. Ich hätte den Kopf unten lassen sollen.
„Flynn!“
Ein Ruck geht durch seinen Körper und er dreht sich um. Hinter ihm steht ein hübsches Mädchen mit braunen Haaren, das uns erbost anfunkelt. Es ist von einer Gruppe von perfekt gestylten Girls umgeben, die uns eifersüchtig anstarren. Nur ein sommersprossiges Mädchen im Hintergrund wirkt amüsiert. Anscheinend hat sie sich erfolgreich gegen diese alberne High-School-Hierarchie-Gehirnwäsche zur Wehr gesetzt. Ein Fünkchen Hoffnung flammt in mir auf.
„Hi, Kayla“, sagt Flynn und hastet an die Seite der Anführerin.
„Wer ist das?“, fragt Kayla ihn. Als wäre ich gar nicht da. Um ihre Besitzansprüche deutlich zu machen, greift sie nach seiner Hand.
„Ich bin Daphne“, antworte ich und verzichte darauf, Kayla zuzulächeln. Aus uns werden sicher keine Freundinnen. Ich hoffe nur, dass sie nicht versucht, diese Vertrauensschüler-Nummer abzuziehen, mir alles zu zeigen und sich nett und hilfsbereit zu geben, während sie insgeheim bloß darauf wartet, mir ein Messer in den Rücken zu stoßen.
Aber Kayla mustert mich nur von oben bis unten und wendet sich dann wortlos ab. Sie tut nicht einmal so, als hätte sie Manieren. Ihre Ehrlichkeit ist irgendwie erfrischend. Die Schulglocke läutet, und die anderen Mädels aus der Clique zerren die Jungs so schnell von mir weg, als müssten sie sie vor der Pest retten.
Ich weiß jetzt schon, dass Kayla und ihre Prada-Mafia spätestens am Ende dieses Schultags fiese Gerüchte darüber verbreiten werden, wie ich an den Schließfächern über ihre Freunde herfallen wollte oder etwas ähnlich Absurdes und dass dann die ganze Schule gegen mich sein wird. Das muss ein neuer Rekord sein. Normalerweise dauert es eine Woche, bis die Lügen auftauchen, dass ich mit den Lehrern, irgendeinem Vater oder dem halben Football-Team schlafe. Immer wieder muss ich mir ins Gedächtnis rufen, dass ich diesen Mist nur noch ein Jahr ertragen muss und dann endlich frei bin, aber die Tränen schnüren mir trotzdem den Hals zu. Ich reiße mich zusammen. Zu oft schon habe ich deswegen geweint. Jetzt werde ich endgültig damit aufhören. Auf der Karte suche ich nach meinem Klassenraum.
Es ist eine kleine Schule. Ich schätze, dass in meinem Jahrgang nur siebzig oder achtzig Schüler sind, aber trotzdem treffe ich in meinen ersten drei Stunden weder auf die Jungs noch auf die Mädchenclique. Ich bin in den Leistungskursen, bei all den Strebern. Ich mag Streber, vor allem die, die auf Mathe und Naturwissenschaften stehen. Die Mädchen sind viel zu sehr mit Lernen beschäftigt, um zu registrieren, wie ich aussehe, und die Jungs haben vor jedem Mädchen eine so panische Angst, dass sie mich gar nicht erst zur Kenntnis nehmen. Ich würde mich gern mit einem von ihnen anfreunden, aber sobald sie merken, dass mein IQ meilenweit über ihrem liegt, würden auch sie mich hassen. Wenn es um Ehrgeiz geht, sind sportliche Jungs und angesagte Mädchen nichts gegen die Streber.
Ich bin in der vierten Stunde schon früh da. Leistungskurs Sozialkunde. Ich lege mein Buch auf den Tisch und tue so, als würde ich lesen, während die anderen Schüler ihre Plätze einnehmen. Ich spüre, dass jemand vor mir steht. Es ist das Mädchen mit den Sommersprossen. Sie tritt von einem Bein aufs andere. Ich habe den Eindruck, dass sie mir etwas sagen will.
„Hi“, murmele ich zögernd. Da ist etwas in ihrem Blick. Es sieht beinahe wie Mitgefühl aus.
Sie öffnet den Mund, überlegt es sich dann aber anders, geht an mir vorbei und setzt sich hin. Ich bemerke ein besorgtes Stirnrunzeln. Dann beginnt der Unterricht. Der Lehrer gibt ein Thema vor, über das die Klasse diskutieren soll. Es sind zwölf Schüler in diesem Kurs und alle stürzen sich begeistert in die Diskussionsrunde. Ich halte mich zurück und höre nur zu. Ich erfahre, dass das Mädchen mit den Sommersprossen Harlow heißt. Sie ist klug. Und witzig. Und sie hat ein echt freches Mundwerk. Richtig sympathisch.
In der Mittagspause sehe ich Harlow wieder und lächle ihr zu. Sie will eigentlich zurücklächeln, doch etwas trübt ihren Blick und ihr halbherziges Lächeln verwandelt sich in ein besorgtes Stirnrunzeln.
Ich sitze allein am Tisch. Ein paar Jungs fragen, ob sie sich zu mir setzen dürfen, aber ich wimmle sie ab. Und zwar nicht besonders freundlich. An meiner letzten Schule habe ich ein Mal versucht, mit einem Jungen auszugehen. Eigentlich ein netter Typ. Er hat mich zum Schulfest eingeladen und aus irgendeinem idiotischen Grund habe ich zugesagt. Am Ende des Tages war er bereits in drei Schlägereien verwickelt worden. Da habe ich ihm nahegelegt, dass er das mit uns lieber vergessen sollte. Solange ich allein bleibe, gibt es wenigstens keine Kämpfe um mich. Dieses Gesicht hat schon zu viele Kriege ausgelöst. Mein Gesicht. Mein Fluch und der meiner Mutter und der meiner Großmutter und so weiter bis hin zur ersten Frau, die dieses Gesicht hatte. Helena von Troja.
Die Mittagspause ist zu Ende und ich werfe einen Blick auf meinen Stundenplan. Sport. Welche Freude. Ich trotte zum Umkleideraum und frage mich, ob diejenigen, die den Stundenplan aufgestellt haben, es wohl darauf anlegen, dass den Schülern schlecht wird. Wer legt denn schon die Sportstunde direkt hinter die Mittagspause? Nicht, dass Schulsport mich in irgendeiner Weise fordern würde. Genau genommen ist der Sportunterricht eine Qual für mich. Ich habe immer Angst, mich zu schnell zu bewegen oder etwas hochzuheben, das für ein Mädchen in meinem Alter zu schwer ist, und bin total paranoid, dass jemand die Wahrheit herausfindet.
Regel Nummer eins für Leute wie mich: Normalsterbliche dürfen NIEMALS erfahren, dass es Halbgötter – wir selbst nennen uns Scions – gibt.
Beim Öffnen der Tür höre ich die anderen „Da ist sie“ flüstern und seufze. Ich habe Kayla unterschätzt. Dass sie auf körperliche Gewalt zurückgreifen würde, hätte ich nicht erwartet, jedenfalls nicht so schnell. Andererseits hätte ich es ahnen müssen, nachdem sie nicht einmal die „Ich-führ-dich-gern-herum“-Show abgezogen hat. Dieses Mädchen ist einfach nur aggressiv. Mein Onkel Deuce wird mich umbringen, wenn er hört, dass ein Rudel Normalsterblicher mich erwischt hat.
Kayla und ihre Clique haben natürlich keine Ahnung, dass ich genau sehe, wie sie langsam auf mich zukommen. Noch bevor sie mich packen können, weiß ich, wie ich mich zu verhalten habe. Ich muss sie gewähren lassen oder ihnen zeigen, wie schnell ich sein kann. Aber dann werden sie merken, dass ich irgendwie anders bin. Und Kayla ist der Typ, der nicht lockerlässt. Sie wird nicht aufgeben, bis sie weiß, was mit mir los ist.
Und dann muss ich sie töten.
Sie packen mich und zerren mich in die Dusche. Ich kämpfe gegen den Instinkt an, sie mit meinen Blitzen zu grillen. Das ist nicht einfach. Ich lasse meinen Körper in ihren Armen erschlaffen, denn nur wenn ich mich nicht wehre, kann ich sicher sein, keiner von ihnen versehentlich den Arm zu brechen.
Es steht schon ein Stuhl bereit. Kayla hat offensichtlich alles gut durchdacht. Während mich die Mädchen auf den Stuhl stoßen, baut sich Kayla triumphierend vor mir auf. Das Funkeln in ihren Augen verrät mir, dass sie ein bisschen zu viel Freude an der Sache hat. Ich kenne diesen Blick. Der widerwärtige Junge in der sechsten Klasse hatte denselben Ausdruck in den Augen, als er der Kröte den Feuerwerkskörper ins Maul gestopft und zugesehen hat, wie sie explodierte. Er war einer von diesen dürren, mickrigen Fieslingen, die sich trotzdem durchsetzen – nicht wegen ihrer Größe, sondern nur, weil sie so gemein sind. Mir wird klar, dass Kayla genauso ist. Sie ist nicht die Hübscheste oder die Klügste (das ist wohl Harlow), aber sie ist bereit, Dinge zu tun, die andere Mädchen nicht tun würden.
Kayla hat eine Schere in der Hand. Jetzt bin ich beunruhigt. Ich habe keine Angst vor Schmerzen, aber was, wenn sie mich damit schneidet und alle sehen, wie die Wunde sofort wieder verheilt?
„Bitte, hör auf“, sage ich und meine Unterlippe bebt. Das ist nicht gespielt. Ich will niemanden töten. Nicht schon wieder.
„Ich hab doch noch gar nicht angefangen“, sagt Kayla. „Harlow, komm her.“
Harlow tritt mit zusammengekniffenen Lippen vor. Ich schaue flehentlich zu ihr auf. Sie will das nicht tun, und ich kann mindestens der Hälfte der Mädchen ansehen, dass es ihnen ebenfalls nicht gefällt, aber Harlow ist die Einzige, die stark genug wäre, sich Kayla zu widersetzen. Ich schüttele den Kopf, in der Hoffnung, dass Harlow Kayla sagt, dass sie sich zum Teufel scheren soll. Aber Harlow packt eine Strähne meiner Haare und Kayla reicht ihr die Schere. Sie wollen meine Haare abschneiden.
„Nicht, Harlow“, bettle ich und meine Tränen lassen alles verschwimmen. Sie verstehen das nicht. Ohne meine Haare habe ich keine Möglichkeit mehr, mein Gesicht zu verbergen. Ich werde deutlich zu sehen sein, was alles noch schlimmer machen wird.
Harlow runzelt die Stirn und sieht mich hoffnungslos an. Mir wird klar, dass sie mich vorhin warnen wollte, es dann aber doch nicht fertiggebracht hat. Ich frage mich, womit Kayla sie in der Hand hat.
„Mach schon“, fährt Kayla sie an.
Ein finsterer Blick huscht über Harlows Gesicht, ein kurzes rebellisches Aufblitzen, das aber sofort wieder verschwindet. Sie gehorcht. Während Harlow das erste Büschel abschneidet, funkele ich Kayla an. Mir laufen Tränen der Wut übers Gesicht, obwohl ich versuche, sie wegzublinzeln. Es ist total peinlich, vor ihnen zu weinen, aber ich kann nichts dagegen tun. Ich hasse Kayla. Ich hasse sie, weil sie mir meine Haare nimmt und mich schutzlos macht, aber noch mehr hasse ich sie für Harlow. Einen kurzen Augenblick hatte ich noch gehofft, dass Harlow und ich so etwas wie Freundinnen werden könnten.
„Zu feige, es selbst zu tun, Kayla? Musst du jemanden vorschicken für den Fall, dass ich rede?“, fahre ich sie an und ihr triumphierender Gesichtsausdruck entgleist einen Moment lang. Ihr ist klar, dass alle zugehört haben und sich noch lange daran erinnern werden. Die Verachtung wird sich schleichend wie eine Seuche unter ihnen ausbreiten. Kayla bleibt nichts anderes übrig, als Harlow die Schere wegzunehmen und es selbst zu tun. Gut. Mach dir die Hände schmutzig, sage ich ihr mit meinen Augen. Zeig ihnen, was du bist.
„Du wirst nicht reden“, sagt Kayla knurrend mit zusammengebissenen Zähnen. Sie nimmt meinen Pony, der eigentlich meine Augen verbergen soll, und schneidet ihn direkt am Haaransatz ab. „Oder ich schneide dir beim nächsten Mal mehr ab als nur deine hübschen blonden Haare.“
Kayla lässt meine Haare auf die schmutzigen Fliesen der Dusche rieseln. Sie funkeln, als würde es Goldfäden regnen.
„Lass die Finger von meinem Freund“, befiehlt sie mir.
Die Tränen schnüren mir so die Brust zu, dass ich meiner Stimme nicht trauen kann. Als wäre Flynn, das Musterbeispiel des reichen und verwöhnten Durchschnitts-Teenagers, auch nur ansatzweise interessant für mich. Ich nicke betreten, nur damit das Ganze endlich ein Ende hat.
Kayla grinst gehässig und bedeutet ihrem Gefolge mit einem Kopfrucken, dass sie gehen sollen. Schweigend verziehen sie sich. Ein paar von ihnen sind überwältigt von dem, was sie gerade mit ansehen mussten. Ich starre auf den Boden. Ich will ihre Gesichter nicht sehen. Ich schäme mich für meine Tränen.
Als alle weg sind, stehe ich auf und gehe zum Spiegel. Ich kann die Mädchen nebenan hören, wie sie ihre Schließfächer öffnen und sich für den Sportunterricht umziehen. Ich schaue in den Spiegel. An der einen Kopfseite fehlt eine Riesensträhne und natürlich auch mein gesamter Pony.
So kann ich nicht zum Unterricht gehen. Die Lehrer werden sofort sehen, dass mir jemand etwas angetan hat, auch wenn ich es bestreite, und irgendwann werden sie herausfinden, was in der Dusche des Umkleideraums passiert ist. Kayla wird keinen Ärger bekommen. Den bekommen diese bösartigen Zicken nie. Aber die anderen schon, und dann werde ich die ganze Clique zum Feind haben, auch die Netteren von ihnen, die zwar dabei waren, aber offensichtlich lieber woanders gewesen wären. Und dann wird Kayla haben, was sie immer haben wollte – eine Armee missgünstiger kleiner Monster, die alle darauf aus sind, mir das Leben zur Hölle zu machen. Kayla ist vielleicht nicht klug genug für die Leistungskurse, aber leider habe ich ein paar Stunden zu spät erkannt, dass sie ein Genie ist, wenn es um Rachsucht und Boshaftigkeit geht.
Ich muss hier raus. Nach Hause. Bevor mich jemand sieht. Morgen bekomme ich ganz bestimmt Ärger wegen des Schwänzens – ich wette, Kayla hat das einkalkuliert –, aber es lässt sich nicht ändern.
Ich renne.
Ich bin schnell genug, um nicht gesehen zu werden, aber vermutlich spüren sie den Luftzug, als ich an ihnen vorbeirase. Zum Glück sind alle anderen bereits in ihren Klassenzimmern und niemand merkt etwas. Ich renne durch die leeren Flure, springe über den Metalldetektor am Eingang und sprinte hinaus auf die Straße.
Dann kommt der schwierige Teil. Central Park West ist nicht die beste Gegend, um im Scion-Tempo loszustürmen. Hier sind zu viele Leute, und wenn ich in dieser Geschwindigkeit mit einem Normalsterblichen zusammenstoße, könnte ihn das töten. Von der Schule nach Hause sind es nur ein paar Blocks. Ich hechte über die langsam vorwärtskriechenden Autos. Nach der Landung auf dem gegenüberliegenden Gehweg springe ich über die Fußgänger und die Steinmauer. Bevor die Augen der Leute mich überhaupt wahrnehmen können, lande ich bereits auf dem harten Erdboden des Central Parks.
Bäume ziehen an mir vorbei wie verschwommene Schatten. Nur Sekunden später habe ich den Park diagonal durchquert und erreiche am unteren Ende die 59. Straße West. Ich kann unser Haus sehen und bremse abrupt ab. Den letzten Block muss ich in normalem Menschentempo zurücklegen.
Die Leute starren mich an. Sie halten den Kopf schief, um unter den verbleibenden Haaren mein Gesicht zu erspähen. Einigen fallen sogar die Tränen auf. Ich haste an allen vorbei, sogar an den freundlichen Leuten, die helfen wollen. Eines weiß ich aus Erfahrung – wenn ich ihr Mitgefühl zulasse, habe ich am nächsten Tag einen Stalker an der Backe. Das ist das Schlimmste an meinem Fluch. Dass ich mich die ganze Zeit benehmen muss wie das letzte Miststück.
Rich, der Portier unseres Hauses, hat mich entdeckt und winkt mir zu. Jetzt kann ich mein Aussehen nicht mehr verändern, um den Blicken zu entgehen. Das hätte ich tun sollen, bevor ich mein Tempo verringert habe, aber … dumm gelaufen. Beim nächsten Mal bin ich schlauer. Als ich an der Haustür ankomme, bemerkt Rich natürlich sofort meine Haare. Er starrt mich entgeistert an. Auf dem Weg zum Fahrstuhl lege ich den Finger an die Lippen und flehe ihn mit meinen großen Rehaugen an, niemandem etwas zu sagen. Eigentlich ist das unfair. Ich mag es nicht, Menschen zu manipulieren, aber im Moment bleibt mir keine andere Wahl.
In unserem riesigen Penthouse-Apartment haste ich an den geschmacklos vergoldeten Möbeln meiner Stiefmutter vorbei. Ich schwöre, sie hält sich für Marie Antoinette – falls Marie Antoinette einen texanischen Akzent und einen peinlichen Silikon-Riesenbusen hatte. Eigentlich hat sie mir immer leidgetan. Es ist nicht leicht, die Stelle meiner Mutter einzunehmen, die ein Gesicht wie ich hatte. Aber dann hat Rebecca, meine Stiefmutter, beschlossen, dass ich die Schule beenden soll. Mit dieser Nummer hat sie sich jede Sympathie verscherzt.
Oben stürme ich sofort ins Bad und hole eine Schere unter dem Waschbecken hervor. Viel Spielraum lässt mir der nicht mehr vorhandene Pony nicht. Ich werde alles raspelkurz schneiden müssen. Ich überlege sogar, mir den Kopf zu rasieren, entscheide mich aber dagegen. Ein glatzköpfiges Mädchen erregt noch mehr Aufsehen als eins mit superkurzen Haaren. Als ich fertig bin, stelle ich fest, dass ich jetzt denselben Haarschnitt habe wie Mia Farrow in dem Film „Rosemary’s Baby“.
Es sieht gut aus. Sogar richtig toll. Wahrscheinlich stehen mir die kurzen Haare so gut, weil man jetzt mein Gesicht und meinen elegant geschwungenen Hals gut erkennen kann. Ich sehe aus wie eine Figur aus einem Märchen.
Schöne Scheiße.
Jetzt kann ich mir selbst nicht mehr entkommen. Als säße ich in einem Film fest, in dem ich eine vollkommen falsche Rolle spiele. Ich bin keine, die anderen den Freund wegschnappt, kein zerbrechliches Püppchen, keine Verführerin, keine Schlampe oder sonst einer von diesen eindimensionalen Charakteren, für den andere mich halten. Ich betrachte den herzförmigen Anhänger meiner Kette. Er ist ein sehr mächtiges Relikt, das in den letzten 3300 Jahren immer von der Mutter an die Tochter weitergegeben wurde. Der Anhänger kann mein Aussehen verändern, wenn ich es will, und mich in jede Frau der Welt verwandeln, aber er hilft mir nicht dabei, mich in meiner eigenen Haut wohlzufühlen.
Ich suche das Schminkkästchen heraus, das mir meine Stiefmutter vor drei Jahren zu Weihnachten geschenkt hat. Ich reiße die Plastikfolie herunter und öffne es. Dann schmiere ich mir schwarzen Eyeliner, Mascara und Lidschatten ins Gesicht. Bisher habe ich nie Make-up benutzt, also werden meine schwarz geschminkten Augen und die mit weißem Lippenstift getarnten Lippen bestimmt keine Meisterleistung sein. Ich öffne meinen Kleiderschrank. Er ist voll mit eleganten Sachen aus den edelsten Stoffen – massenhaft Kilts aus Merinowolle, Kaschmirpullis und maßgeschneiderte Blazer für die Privatschule in Massachusetts.
Ich reiße den Saum von einem der Kilts ab, schneide den Halsausschnitt aus einem T-Shirt und reiße Löcher in eine schwarze Strumpfhose. Meine Stiefmutter hat ein Paar schwarze Lederstiefel mit coolen Silberschnallen. Ich ziehe mich um und hole die Stiefel aus ihrem Schrank. Bei der Gelegenheit nehme ich mir auch gleich eine schwarze Lederjacke und betrachte mich dann in ihrem großen Ankleidespiegel. Ich bin immer noch schön, aber wenigstens sehe ich jetzt etwas wütender aus. So wütend, wie ich mich fühle.
Ich will ein paar Graffiti sehen. Ich will etwas Gefährliches in mein Leben lassen. Etwas, das hart an der Grenze ist. Ich verlasse die Wohnung und gehe mit hoch erhobenem Kopf hinaus. Also, zumindest höher als sonst.
Da ich das letzte Graffito in Greenwich Village entdeckt habe, gehe ich nach Westen und nehme die U-Bahn Linie A, um an der Spring Street auszusteigen. Ich mag die U-Bahn nicht. Ständig versucht jemand, mir ein Gespräch aufzudrängen oder, noch schlimmer, mich anzufassen. Darum stehe ich mit dem Rücken an der kurzen Seite des Abteils und funkle jeden an, der in meine Nähe kommt. Ich glaube, mein Make-up und die Rockerstiefel tun ihre Wirkung, denn die Leute lassen mich ausnahmsweise in Ruhe.
Aus dem Augenwinkel entdecke ich eines der Graffiti am hintersten Ende der Station Washington Square. Ich schaffe es gerade noch, aus der Bahn zu springen, bevor die Türen schließen. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich darauf zugehe. Es sieht genial aus.
Es ist ein großes Wandbild, das eine wunderschöne junge Frau zeigt. Meine Schritte werden unwillkürlich langsamer. Die Hände der Frau sind gefesselt und ihr Kopf ist geschoren wie der einer Märtyrerin aus dem Mittelalter. Sie trägt sogar eine Dornenkrone, die sich grausam in ihre Stirn spießt, und sie weint schwarze Tränen. Unter dem Bild steht in zackigen Buchstaben „Verlorene Unschuld“. Ich starre das Gesicht der Frau an.
Das bin ich.
Aber es ist unmöglich. Der Künstler kann dieses Bild auf keinen Fall in der kurzen Zeit gesprayt haben, seit ich meine Haare abgeschnitten und mir die Augen schwarz gemalt habe. Ich bin erst vor zehn Minuten aus der Wohnung gekommen. Wer hat das gemacht? Ich suche in der unteren rechten Ecke nach einer Signatur und finde den Buchstaben A, gefolgt von einem Bindestrich und dem Wort Jacks. A-Jacks.
Ajax.
Das ist ein griechischer Name. Ein Scion-Name. In meinem Haus, dem Haus von Atreus, gibt es keinen Ajax. Also ist er mein Feind.
Die Farbe ist noch feucht. Ich muss sofort von hier verschwinden.
Ich renne die Treppen hoch, doch bereits auf den Stufen höre ich das Flüstern. Schluchzer. Die Wut nimmt mir die Sicht. Kein Zorn mehr, kein Frust, sondern ein weißglühender Hass, der mir den Atem raubt.
Die Furien sind da.
Ich haste blindlings durch die Sperre, während die Furien in meinem Kopf nach Blut schreien. Oh, Götter, nein. Die anderen Häuser wissen nicht, dass unser Haus noch existiert. Sie glauben, wir wären längst ausgestorben. Meine einzige Hoffnung ist es, nicht erwischt zu werden. Sie dürfen mich nicht kriegen – und töten.
Zwei Züge fahren auf gegenüberliegenden Bahnsteigen in den Bahnhof ein. Einer Richtung Süden, der andere Richtung Westen. Ich hechte in meine U-Bahn und starre die Türen an, als könnte ich sie damit zwingen, sich schneller zu schließen. Am Rande meines Sichtfeldes nehme ich die Furien wahr. Jedes Mal, wenn ich sie direkt ansehen will, verschwinden sie für einen kurzen Moment. Ihre langen schwarzen Haare sind voller Asche, und ihre Gesichter sind rot verschmiert, weil sie Tränen aus Blut weinen. Sie flüstern die Namen der Toten und schreien mich an, meinen Feind zu töten und mein Haus zu rächen. Ich weiche zurück bis ans Fenster und wende mich von ihnen ab.
Im anderen Zug steht ein Junge, der schönste, den ich jemals gesehen habe, und er sieht mich durchs Fenster an. Er hat goldenes Haar und leuchtend blaue Augen. Seine Haut scheint sanft zu glühen, als würde die Sonne aus ihm strahlen. Er presst sich eine farbverschmierte Hand an die Brust, als hätte er gerade einen Schlag einstecken müssen, die andere drückt er gegen die Fensterscheibe. Ich hebe die Hand und lege sie ebenfalls ans Fenster. Er sieht verstört aus. Erschüttert. Als hätte er gerade einen Geist gesehen.
Mein Feind. Ajax.
Die Schreie der Furien sind jetzt unerträglich. Dann fahren beide Züge los und trennen uns. 
 [von www.goettlich-trilogie.de]  
Mehr Informationen zu der Reihe und der Autorin findet ihr auf der offiziellen Seite ; den zitierten Text nochmal hier. Außerdem findet grade ein göttlicher Fanart-Wettbewerb statt, auf dem ihr "Göttlich verliebt" und ein Göttlich-T-Shirt absahnen könnt.
 Ich wünsche euch noch einen göttlichen Abend und ein schönes, sonniges Wochenende!
1 Kommentar on "[NEWS] Josephine Angelinis Short Story oder: Ein kleiner Einblick in Daphnes Vergangenheit"
  1. Diese Kurzgeschichte habe ich heute auch schon entdeckt und finde sie sehr sehr gut gelungen.
    Josephine Angelini hat ja auch gemeint, dass sie vielleicht die Geschichte von Daphne erzählen möchte und ich hoffe, sie macht weiter, denn sie kann es doch jetzt nicht enden lassen!
    Und mit Will und Tessa komme ich ganz gut voran, bei Fragen melde ich mich noch rechtzeitig bei dir.

    LG May

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